Studenten in Vorlesung an der UniversitätFrank ist 24 Jahre alt, studiert nun im 5. Semester Jura in Berlin und hat während der letzten zweieinhalb Jahre nach eigenen Worten keine zwanzig Sätze mit Kommilitonen gewechselt. „Jeder ist sich hier der nächste. Und jeder will dem anderen überlegen sein. Da redet man nicht viel miteinander.“Als ich das vergangenes Wochenende hörte, dachte ich im ersten Augenblick: Okay, das ist dem Studium der Rechtswissenschaften und der Konkurrenzsituation bei dieser Fachrichtung geschuldet.

Aber dann sprachen noch andere junge Studenten, die soziale Fachrichtungen studieren, und sie berichteten von ganz ähnlichen Situationen. Informationen aus Seminaren werden zurückgehalten, das Engagement in Fachschaften lässt spürbar nach, die Fachbereichspartys werden kaum mehr besucht. Wer sich aber nicht aktiv einmischt, geht verloren in der Anonymität des Studiums, doch der Umgang im Miteinander schreit mittlerweile nach Vorkursen für soziale Kompetenzen.

Der Ton ist rau geworden

Als junger Mensch ist man nach dem Abitur offener für andere Menschen. Denkt man, denke ich, denken viele. Aber das Desinteresse für andere hat zugenommen, weil der kürzeste Weg der pragmatischste ist, und es für Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit im Umgang miteinander keine Credit Points gibt. Vorschläge für gemeinsames Lernen auf sozialen Plattformen finden kaum mehr ein Echo.

Das Selbststudium mit verkürzten Präsenzzeiten macht die Anwesenheit im Seminar obsolet. Eine Verpflichtung zur Anwesenheit gibt es ohnehin nicht mehr wirklich, und die Zahl derer, die neben dem Studium noch arbeiten müssen, weil die Mieten in Universitätsstädten explodiert sind, wächst. Das lässt den Ton automatisch rauer werden, legt den Fokus ganz auf die eigenen Kompetenzen.

Lebensabschnittsgemeinschaften, die abgeschnitten werden

Das Studium ist zweifellos eine Etappe. Wie nach dem Abitur werden neue Menschen zusammengewürfelt, bilden neue Grüppchen und geraten nach dem Bachelor mit neuen Menschen in neuen Städten in die Lostrommel Master-Studium oder finden befristete Arbeitsplätze anderswo. Lebensabschnittsgemeinschaften werden in der Regel nach dem Studium abgeschnitten. Vielleicht schickt man noch ein paar Jahre Geburtstagswünsche über Facebook, aber dann schläft auch das ein.

Was jungen Menschen an Mobilität und Flexibilität heute abverlangt wird, hat nichts mit dem Aufbau nachhaltiger Beziehungen zu tun. Deswegen spielen soziale Kompetenzen kaum mehr eine Rolle, weil sich längst rumgesprochen hat, dass in dieser Welt Gut-Sein nicht belohnt wird. Der Hilfsbereite ist häufig der Gelackmeierte, weil viele junge Menschen schon vorzeitig so miteinander umgehen, als seien sie untereinander in einem befristeten Zweckverhältnis.

Einsamkeit und Ermüdung

Schade ist, dass auf diesem Weg Potentiale junger Menschen verloren gehen, dass gemeinsame Gespräche abends bei Rotwein oder Bier Seltenheit geworden sind. Diese Momente des Jungseins, in denen Spinnereien geboren werden, weil man sich Platz lässt für Kreativität und naive Dummheit, scheinen selten geworden zu sein. Nach all diesen Etappen stellen dann Menschen mit Anfang dreißig Einsamkeit und Ermüdung fest.

Wissen haben sie aus dem Studium mitgenommen, Menschen nicht. Soziale Kompetenzen bilden sich zurück, wenn sie keinen Wert in der Gesellschaft mehr haben. Roboter und Computer bilden diese im Gegensatz zu Menschen nie aus, aber wenn sie unsere Vorbilder heute sind, schalten wir uns Menschen ab. Das kann dauerhaft kein pädagogisches oder didaktisches Ziel sein.

 

 

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