Bild_StudiplätzeSoziale Medien schaffen eine soziale Öffentlichkeit. Die virtuellen Netzwerkmöglichkeiten wachsen leider schneller als die Köpfe vieler junger Menschen. Das ist normal, die Gesellschaft ist unschuldig. Junge Menschen lernen jedoch an den Schulen und Universitäten noch immer kaum den angemessenen Umgang mit digitalen Medien. Das wird die Unternehmenskommunikation später nachhaltig beeinflussen, wenn nicht bald aktiv gegengesteuert wird.

Tue Unwichtiges und schreibe darüber

Ein berühmtes PR-Motto heißt: „Tue Gutes und rede darüber!“ Das wird in Unternehmen noch heute mehr oder weniger beherzigt. Im 21. Jahrhundert reicht das offenbar nicht mehr aus. Die sozialen Netzwerke bieten der Gesellschaft unbegrenzte Austauschmöglichkeiten, die allmählich zum Selbstzweck verkommen. Während die technischen Kapazitäten unerschöpflich zu sein scheinen, bleibt die Aufmerksamkeit der Empfänger begrenzt. Wenn die Empfänger ihrerseits pausenlos digitale Nachrichten senden, schrumpft ihr Aufnahmevermögen noch einmal gewaltig.

Gleichzeitiges Senden und Empfangen kann nur Outlook, nicht der Mensch. In dieser Schieflage, die uns alle zu zerreißen droht, wird es immer schwieriger für Menschen und Unternehmen, echten Nachrichten zu einer angemessenen Aufmerksamkeit zu verhelfen. Heute scheint das Motto vielerorts zu heißen: „Tue Unwichtiges und schreibe darüber!“ Und wer in den sozialen Medien nicht vertreten ist, scheint tot zu sein. Heute gilt in der eigenen Öffentlichkeitsarbeit: „L’État, c’est moi!“ Übersetzt: „Die Presse bin ich!“

Die Öffentlichkeit lauert überall

Was vielen jungen Menschen dabei nicht bewusst ist – die Öffentlichkeit lauert überall. Der frühe verantwortungsbewusste Umgang mit den neuen Medien ist eine wichtige Grundlage für den späteren Beruf. Wer das nicht frühzeitig begreift oder erlernt, wird später Probleme beim Filtern bekommen. Nicht nur das Einmaleins der W-Fragen, die in einer knappen, präzisen und objektiven Pressemitteilung beantwortet werden sollten, spielt dabei eine Rolle. Auch die Sprache sollte zumindest in qualitativer Hinsicht die grammatikalischen Mindeststandards der Korrektheit erfüllen.

Verrechtschreiben kann sich jeder einmal in der digitalen Nachrichtengeschwindigkeit. Aber der Anspruch darf nicht einfach so fallengelassen werden, auch wenn ein Schüler im Unterricht bei mir mal witzig formulierte: „Rechtschreiben war gestern.“ Lustig ist das zunächst, aber dauerhaft verständlich wohl kaum. Mittelfristig gelten noch die alten Abseitsregeln.

Belegen tut man eine Pizza, und wenn man zitiert, dann den Kellner herbei

Wenn ich mich an die Klausuren vieler Oberstufenschüler der letzten Jahre erinnere, die ich einsehen durfte, so reichten essayistische und weitestgehend belegfreie Textinterpretationen in den Fächern Deutsch oder Geschichte für eine gute Note aus. Das möchte ich gar nicht kritisieren. Dieser Anspruch fördert auch den kreativen Assoziationsspielraum junger Menschen und kann neue Textzugänge zutage fördern. Wenn Grundzüge der Quellenkritik aber kaum mehr zufriedenstellend im Unterricht gelehrt und gelernt werden, darf man sich nicht wundern, warum es immer mehr Studenten schwerfällt, die wissenschaftliche Schreibweise und das wissenschaftliche Arbeiten zu beherzigen. Belegen tut man eine Pizza, und wenn man zitiert, dann den Kellner herbei. Oder so ähnlich.

Die Krönung sind dann Einleitungssätze wie diese: „In der jetzt und hier zu schreibenden Klausur will ich klarmachen, dass der Roman XY alles für den Leser unklar lässt. Geschrieben 1930 hat der Autor 0815 gelebt, und das waren ja auch Zeiten mit Hitler und so, die ziemlich unklar waren…“ Sie stammen von keinem meiner Schüler, aber ich habe diese Sätze sehen dürfen und mit ebenso großer Überraschung zur Kenntnis genommen, dass sich am Korrekturrand eine gähnende Leere breitgemacht hat, im Bewertungsbogen nur leichte sprachliche Mängel festgestellt wurden. Kapitulation? In diesen Sätzen findet sich jedenfalls alles, was man über die heute erlebte und gelebte Sprache wissen muss. Da werden gestelzt wirkende Partizipien mit umgangssprachlichen Wortbruchstücken verquickt, entsteht vielmals ein lebensnahes Potpourri aus dem Alltag junger Menschen. Unsere Sprache muss einfach wieder mehr gefördert und gefordert werden.

Medienkompetenzen schulen

Was Text- und Bildrechte bedeuten, kann gelehrt werden. Wie die digitale Kommunikation zum Bumerang werden kann, ist an jüngeren Beispielen gut vermittelbar. Es sind wesentliche Inhalte des 21. Jahrhunderts, die heute im Unterricht und in der Lehre zu kurz kommen. Der Alltag ohne Computer und Mobilfunk ist für die jungen Generationen undenkbar geworden.

Das muss man als Realität hinnehmen. Daher gilt es, die Medienkompetenzen von Menschen zu schulen, sie über die Grenzen der Meinungsfreiheit aufzuklären und ihnen gleichzeitig einen wahren Grundsatz klarzumachen, der nie an Gültigkeit verlieren wird: Die Öffentlichkeit wird auch in Zukunft sozial sein. Egal ob digital oder real.

 

 

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