soziales_schuleFreizeitpark Deutschland. Da war doch mal was? Ja, Helmut Kohl. Der sagte in den Achtzigern: „Eine erfolgreiche Industrienation, das heißt eine Nation mit Zukunft, läßt sich nicht als kollektiver Freizeitpark organisieren.“ Viermal Urlaub im Jahr. Jeden Tag Bespaßung. Das geht nun wirklich nicht. Schon die alten Römer waren sich nicht ganz einig über den Sinn des Müßiggangs (otium). Während Cicero im fortgeschrittenen Alter nichts von seinem politischen Engagement verlor, sah Plinius der Jüngere ab einem gewissen Alter den Sinn des Lebens im Müßiggang.

Der Historiker Egon Flaig schrieb wiederum einmal:„Die römische Republik hat sich zu Tode triumphiert.“ Historiker des 22. Jahrhunderts werden vielleicht einmal schreiben: „Die europäische Abendlandkultur hat sich im 21. Jahrhundert zu Tode bespaßt.“ Hoffentlich nicht. Wenn das Lernen heute zur Arbeit zählt, und das tut es, ist das Spielen für Kinder und Jugendliche ein wichtiger Grundstein dafür. Wie sieht die Spielkultur von Kinder und Jugendlichen heute aus?

Etwas spielend lernen

Diese Redensart trifft auf Musiker wie Marja Burchard zu, die sich schon früh mit den kreativen Freiräumen des Musizierens auseinandergesetzt hat und heute zwanzig unterschiedliche Instrumente spielen kann. Spielen und lernen muss kein Widerspruch sein. IT-Nerds wachsen mit der frühen, intensiven Beschäftigung rund um den Computer auf. Sie lernen vieles autodidaktisch, probieren sich aus, ohne dass ihnen jemand sagt, was sie wann zu tun haben. Was ihnen später manchmal im Berufsleben fehlt, ist die Erfahrung, im Kollektiv gelernt zu haben.

Das haben ihnen Musiker häufig voraus, weil diese früh lernen, dass sie nur einen Teil eines Gesamtkonzerts mit anderen Künstlern ausmachen. Sich auszuprobieren und sich dafür kreative Freiräume zu nehmen, ist heute aber an sich schon eine Kunst. Sich als Eltern in der täglichen Erziehung etwas zurückzunehmen auch.

Tatort Kindergeburtstage

Die Kindheit hat als Begriff im Laufe der Geschichte viele Wandlungen erfahren. Heute idealisieren wir die Kindheit vor allem als eine Phase des geschützten Raums, in dem Kinder ihre Persönlichkeit frei entfalten können. An Kindergeburtstagen bekommt man unterdessen Zweifel an der Möglichkeit der freien Entfaltung. Wenn alle Spiele dort von Eltern komplett durchorganisiert sind, schüttet man eigentliche Freiräume der Kinder schnell mit eigenen pädagogischen Wertevorstellungen zu. Kinder lernen dann, dass sie nur nach Anleitung der Erwachsenen spielen können.

Ja, ich weiß. Manchmal brauchen Kinder erwachsene Schiedsrichter. Aber sie brauchen auch die Erfahrung, dass sie selbst der Schiedsrichter sein können. Wenn der Kindergeburtstag zum Tatort unerfüllter Eltern verkommt, lernen Kinder dauerhaft keine Selbständigkeit.

Was wir erfahren, lernen wir

Erfahrung ist der beste Lehrmeister. Das gilt nicht nur für Erwachsene sondern auch für Kinder und Jugendliche. Viele Eltern wissen, wie wichtig der Mannschaftssport für ihre Kinder ist. Kinder lernen gemeinsam das Siegen und Verlieren. Sie lernen den Teamgedanken schätzen. Diese Erfahrungen sind in unserer schulischen Einzelnotenkultur ein wichtiger Ausgleich. Sie sind mit der Familienentwicklung zu immer mehr Einzelkindern unentbehrlich.

Kinder und Jugendliche sind auch keine Angestellten der Eltern. Ihr Tag muss nicht komplett durchgetaktet sein. Es darf auch mal kreative Langeweile sein. Das Wort Ganztagsbetreuung ist in mancher Hinsicht lieblos, weil es keinen Raum für Auszeiten andeutet und als Begriff wie eine organisatorische Verwahrstation für Kinder wirkt.

Wenn Eltern Vorbilder sein wollen, beginnen sie am besten bei sich und leben Kreativität im Alltag vor. Wenn dies im stressigen Arbeitsalltag nicht möglich ist, läuft etwas grundlegend in unserer Gesellschaft falsch. Kinder und Jugendliche bekommen heute viel mehr vom Leben der Erwachsenen mit als diesen bewusst ist. Dabei steht doch für uns Erwachsene selbst eines ohne jeden Zweifel fest: An unsere eigene Kindheit erinnern wir uns alle sehr gut.

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