jenga-turmIch bin gerade eben hinter einem Tiertransporter mit Schweinen hergefahren und dachte mir: „Keine Sau kennt dich und das gefällt dir!“ Auf meiner Facebookseite sieht man den Ausnahmekünstler Steven Wilson. Wer mich weiter stalken will, sieht auch ein paar Fotos von mir privat. Oder auch nicht und überhaupt…wer will das auch wissen?

Ich weiß gar nicht genau, welche Einstellung ich da habe. Das meine ich auch nicht nur auf Facebook bezogen. Ich habe außerdem ein altes Handy, keine Visitenkarte, höre leidenschaftlich gerne alte Musik, interessiere mich insgesamt für zu viele Dinge im Leben und habe mir damit sicher eine große Karriere als Fachmann für irgendetwas ein wenig verbaut. Gut, ich bin promovierter Historiker, aber das ist Geschichte. Mir fehlt es irgendwie ein bisschen an Eitelkeit. Ich fühle mich daher häufig ziemlich fremd auf Messen oder Repräsentationsveranstaltungen. Da hagelt es schnell Visitenkarten, bevor man sich überhaupt erst einmal kennenlernt. Speed-Dating mit leeren Händen?

Was ist Eitelkeit und wie zeigt sie sich in der Bildungswelt?

Wenn Lehrer in der Schule fünfmal wiederholen, in welchen Gremien und Kommissionen sie sitzen, kann es vorkommen, dass Schüler abschalten, weil sich einer gerade massiv eingeschaltet hat. Wenn Professoren Studenten für eine Arbeit ein Literaturverzeichnis an die Hand geben, das zum Großteil aus ihren eigenen Veröffentlichungen besteht, dann vermachen sie ihnen vorzeitig ein Lebenswerk und haben ein übermäßiges Sendungsbewusstsein. Eitelkeit ist ein Antrieb, der viele Menschen beseelt. Bei Wikipedia wird sie so definiert: „Eitelkeit (lat. vanitas) ist die übertriebene Sorge um die eigene körperliche Schönheit oder die geistige Vollkommenheit, den eigenen Körper, das Aussehen und die Attraktivität oder die Wohlgeformtheit des eigenen Charakters.“ (Quelle: Wikipedia)

Das ist wunderbar formuliert. In der Bildungswelt beschränkt sich die Eitelkeit in der Regel auf die geistige Vollkommenheit, wobei die Grenzen fließend sind, es auch schon Lehrer und Lehrerinnen gegeben haben soll, die in jeder Pause den Kamm aus der Hosentasche zogen oder das Make-Up nachbesserten. Wer mein Bild neben der Kolumne betrachtet, weiß, dass ich keinen Kamm mehr brauche. Mit dem Make-Up überlege ich es mir vielleicht noch einmal.

Die Welt der Einbildung ist Werbung

Und das im wörtlichen Sinne. Einer bildet sich und wirbt später mit den errungenen Titeln. In Deutschland ist die Titelspießigkeit zu einem Markt geworden, zu einem Markt der Eitelkeiten. Der Doktortitel darf im Vorstand von Dax-Unternehmen nicht fehlen und repräsentiert quasi in sich schon den gesammelten Verstand einer Unternehmensführung. Die akademische Netzwerkelite ist sichtbar unsichtbar, funktioniert aber hervorragend und wächst exponentiell mit den Titelbezugsgrößen bei Verbandstagungen, Klubversammlungen und Zukunftskongressen.

Die Zahl der Doktoranden ist in den letzten fünfzehn Jahren massiv gestiegen. Und plötzlich werben viel mehr mit sich und dem Titel und ich frage mich langsam, ob man mit diesem Titel noch eine solche Aussagekraft ausstrahlen kann und ob man das noch Elite nennen kann. Der Begriff Elite gefällt mir ohnehin nicht, aber das ist auch ein anderes Thema.

Die Promotion ist sicher ein persönlicher Meilenstein, hinter der für die meisten unzählige Stunden Arbeit steckten. Natürlich bleibt sie auch ein gewisses Qualitätsmerkmal. Wenn die eigene Bildung aber anschließend aufhört, wenn Menschen sich hinter akademischen Titeln verstecken und nur noch auf ihre öffentliche Repräsentation achten, verlieren sie automatisch die Grundlage dessen, was Bildung eben ausmacht, nämlich lebenslanges Lernen.

Hierarchien der Bildungswelt

Abitur, Bachelor, Master, Doktor, Professor. Unsere Bildungswelt trägt ähnlich hierarchische Züge wie die Organisationsstrukturen der Arbeitswelt. Das ist nicht grundverkehrt, aber eben auch nicht grundrichtig, weil es Distanz schafft, wo mehr Basisarbeit und engere kooperative Lernstrukturen zu einem besseren Ergebnis führen würden. Diese Hierarchien basieren leider häufig auf Eitelkeiten und persönliche Einbildungen und wirken auf Ausbildungen junger Menschen heute eher abschreckend.

Ich glaube, dass Schulen und Universitäten sich heute viel mehr als selbstlernende Bildungsinstitutionen bewerben sollten. Alle sind Lehrlinge, gesellen sich zusammen und meistern so die Herausforderungen der Zukunft. Starre Hierarchien in Organisationen können nämlich unglaublich viele Potentiale von Menschen schnell abwürgen. Wir sind aber bald noch viel mehr darauf angewiesen, diese Potentiale auszuschöpfen. Deswegen sollten wir die kommenden Generationen auch nicht mehr so mit Hierarchien erschöpfen. Und neben dieser Welt gibt es noch immer die große Zahl der Leistungsträger in unserer Gesellschaft, die keinen akademischen Titel haben, die aber durch das Leben und durch die tägliche Arbeit gelernt haben. Nicht selten sind diese in ihrer Lernbereitschaft weiter als Akademiker.

 

 

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