Kolumne-4Ja, wir haben ihn zur Genüge gehört, diesen Spruch, aber trotzdem sollen wir lebenslang lernen. Mit dem Wort „lebenslang“ verbinden wir für gewöhnlich eine Haftstrafe, und wenn Hänschen schon nicht gelernt hat, was soll er dann noch lebenslang lernen? Wenn die frühkindliche Bildung nicht einschlägt, nicht fruchtet, überprüfen und bewerten wir Hans genau danach.

Wir tun gerade so, als seien nur unsere Bildungsinstitutionen für das Lernen und die Entwicklung eines Menschen da, und lassen die Abiturienten in NRW doch „Hiob“ von Joseph Roth lesen, einen Roman, in dem es auch um die Entwicklungsstörungen eines Kindes geht. Das vierte Kind Menuchim entwickelt sich nämlich einfach später und bringt es zu einem anerkannten Musiker. Und das ohne umfangreiche Bildungsinstitutionen. Manchmal stecken die Gaben eines Menschen eben tief verborgen weit unterhalb von Bewertungsskalen. Das ist statistisch leider irrelevant für politische Bildungsentscheidungen und neue Bildungstendenzen.

Misstrauen und Unselbständigkeit

Die Ganztagsschulen sind häufig pragmatisch ökonomisch, durchdachte Bildungsanstalten, die, wie sich jetzt allmählich zeigt, jungen Menschen viele kreative Freiräume und viel Freizeit zur persönlichen Entwicklung nimmt. Junge Menschen lernen schon im Schulalltag, wie der Berufsalltag Erwachsener aussieht. Wie viel Misstrauen gegenüber jungen Menschen hinter diesen Konzepten steckt, zeigt sich schon daran, dass mittlerweile alles geplant wird, die Schulen in der Administration versinken und nichts mehr dem Zufall überlassen werden soll.

Es gibt nur wenige Ganztagsschulen, die ihr Personal und ihre Kapazitäten ausgebaut haben. Und noch schlimmer ist die Beobachtung, dass insbesondere viele Lehrer in dieser Ganztagsbeanspruchung sich von Qualitätsansprüchen verabschieden müssen und sich von einem Erschöpfungszustand zum nächsten lavieren. Prinzipiell beanspruchen und überfordern sich alle mit diesem Trend zur Ganztagsschule, aber die ökonomischen Notwendigkeiten von Eltern und das Misstrauen gegenüber jungen Generationen, sich bei zu viel Freizeit in digitalen Welten zu verlieren, wird als viel schlimmer empfunden. Also ist der Weg alternativlos.

Die Frage aber, ob Facebook und Co. nicht auch deshalb so beliebt bei jungen Menschen sind, weil es in der knappen Freizeit an echten, sozialen Räumen fehlt, wird nicht gestellt. In einer Bildungswelt, die von Evaluationen, Erwartungen und Ansprüchen allein geprägt ist, wird leider vor allem eines gefördert: Die Unselbständigkeit jüngerer Generationen, die keine eigene Orientierung mehr leisten müssen.

Pädagogische Modelle ersetzen nicht die soziale Realität

Es ist bisher eine gute Tradition in Deutschland gewesen, dass Sport- und Interessenvereine einen großen Teil der sozialen Realität von Jugendlichen widerspiegelten. Langsam aber kippt hier etwas, wenn Fußballtrainer von Jugendabteilungen immer häufiger darüber klagen, dass sie zum wöchentlichen Training nur noch wenige Kinder und Jugendliche sehen, weil diese schulischen Verpflichtungen nachgehen müssen.

Es wäre daher wünschenswert, dass sich die Ganztagsschulen wesentlich stärker mit Vereinen ihrer Umgebung zusammen tun würden, um gemeinsam zu überlegen, wie man zusammenarbeiten kann. Es ist unmöglich, wenn Kinder in jungen Jahren bereits acht bis neun Stunden in einer Klasse sitzen müssen, man von ihnen noch am Nachmittag Aufmerksamkeit erwartet, und das bei noch immer teilweise antiquierten Unterrichtsgestaltungen von Lehrern, die es anders nicht gelernt haben und nun noch auf völlig neue Generationen und neue Modelle stoßen.

Viele Schulen eignen sich mittlerweile Aufgaben und Herausforderungen an, die sie langfristig gar nicht bewältigen können. Die Praxis führt jedes noch so durchdachte pädagogische Modell ad absurdum. Es ist höchste Zeit, mal darüber nachzudenken, wer hier eigentlich Hänschen ist: Die Kinder und Jugendlichen oder wir Erwachsene?

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