seminarreiseDer Stau im Berufsverkehr ist eigentlich eine wunderbare Situation, um über das alltägliche Leben mal nachdenken zu können. Nachdenken schadet der Bildung nicht und Stau bildet sich ja auch. Passt also zur Kolumne.

Die Städte lassen sich gut verstauen, weil dort Arbeit ist, weil dort das Leben stattfindet, während mit unserem modernen geistigen Horizont auf dem Land schon der Tod trainiert. Was willst du denn auf dem Land? Da ist doch nichts los. Man bekommt diese Antworten häufiger, wenn man laut darüber sinniert, aufs Land ziehen zu wollen. Der Stau ist also ein gutes Zeichen, dass hier nach den nächsten Kilometern was los ist. Ich sitze unterdessen in der Karosserie, staue mich mit vielen anderen vor der Stadt und frage mich, was die Städte noch so anziehend macht.

Über Herdentriebe und Alltagspflichten

Ja, die Stadt, in die ich muss, ist von vielen Seiten zu erreichen. Sie alle gleichen sich zu Stoßzeiten. Der Navi führt uns zu den schnellsten Routen. Aber am Ende ist auch er machtlos, wenn alle Navis der Welt die gleichen Routen zeigen, Menschenmassen in knappen Zeitfenstern in die Stadt strömen und auf ihren Individualismus nicht verzichten wollen, weil sie wenigstens EinsLive hören oder keine Sitze teilen möchten. Der Individualismus im Herdentrieb, gepaart mit den vielerorts gleichen Arbeitszeiten, stößt an die Stadtgrenzen und raubt wichtige Zeit, die von niemandem bezahlt wird außer von den eigenen Nerven. Glücklich sehen die Menschen in den Karosserien nämlich nicht aus, wenn sie sich alle paar Minuten um einen Meter fortbewegen. Hier ist vielleicht was los.

Was tun sich diese Menschen an?

Ich erinnere mich an den Film „Falling down“ mit Michael Douglas aus dem Jahr 1993, in dem ein Familienvater im städtischen Verkehrsstau steckt, zum Geburtstag seines Kindes möchte, seine privaten Verhältnisse nach der Trennung im Argen liegen. Er lässt den Wagen einfach im Stau stehen, geht zu Fuß weiter und was folgt, sind schicksalsträchtige Zufallsbegegnungen, ist eine Kaskade gestauter Aggressionen und Enttäuschungen, die in einen Amoklauf enden. Nein, das soll niemand nachahmen, das soll niemand so erleben, aber ich sehe, dass die Menschen in den Karosserien frühmorgens schon wutfuchtelnd die Hände bewegen, weil sie ihren Pkw innerhalb von zwanzig Minuten einen Kilometer weiter nach vorne gestaut haben. Was tun sich diese Menschen an? Warum leben die nicht in der Stadt?

In der Stadt leben

Einfacher gesagt als getan. Die Mietpreise steigen, die Lebenshaltungskosten steigen, die Stadt ist für alle attraktiv. Auch hier haben alle den gleichen Navi, denn in der Stadt stauen sich Menschen, die Wohnungen besichtigen, während sich Makler und andere Immobilienverkäufer die Hände reiben, weil sie gerade an der Blase verdienen, an der Blase, die Stadt heißt und in der noch viel zu viele leben wollen. Vor der Stadt und in der Stadt staut es sich also, und für diejenigen, die außerhalb wohnen, gibt es keine Alternativen, und für diejenigen, die in der Stadt wohnen, gibt es keine Alternativen.

Zeit und Geschwindigkeit

Eine Stunde zur Arbeit, eine Stunde zurück. Stress vor der Arbeit, Stress bei der Arbeit, Stress nach der Arbeit. Was vom Tage übrig bleibt, sind die alltäglichen Sorgen der Familie, die alltäglichen Sorgen um die Familie und vielleicht noch das heute-journal. Zeit hat keiner mehr, die Geschwindigkeit, mit der das Leben an uns vorbeirauscht, während wir im Stau stecken, ist brutal. Ich möchte nicht glauben, dass ein modernes Leben so aussehen muss. Aber muss es wohl, denn in Dörfern und auf dem Land werden immer mehr Schulen geschlossen, müssen immer mehr Kinder zu Schulen in die weiter entfernten Städte. Und wir tun ihnen das an, was wir Erwachsene uns antun, denn Stau schadet keinem, die Stadt schadet keinem, und überhaupt: Willst du auf dem Land versauern? Da ist doch nix los. Da ist keine Arbeit.

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