Bild2Wohlstandsgesellschaften neigen zur Dekadenz. In solchen Gesellschaften geht es irgendwann nur noch um Bespaßung, um Freizeit, um Unterhaltung. Letzte Woche hat ein junges Mädchen aus Palästina uns Deutschen gezeigt, dass es bei jungen Menschen im Land auch noch ganz andere Wirklichkeiten gibt. Wir haben in wenigen Augenblicken Nachhilfeunterricht rund um das Thema Bildung und den Wert von Bildung bekommen.

Über Bildungsflüchtlinge

Durch Gespräche mit meinem FH-Kollegen Prof. Dr. Gardemann, der als Arzt letztes Jahr in einem Flüchtlingslager in Jordanien syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen half, habe ich eine Ahnung von dem bekommen, wie es in Flüchtlingslagern aussieht. Nicht gut, denn es gibt da kaum mittel- und langfristige Perspektiven. Es geht um das nackte Überleben. Das vierzehn Jahre alte Mädchen Reem Sahwil ist vor vier Jahren aus einem palästinensischen Flüchtlingslager im Libanon nach Deutschland gekommen. Seit dem Bürgergespräch mit der Bundeskanzlerin Angela Merkel in Rostock ist sie berühmt, aber darum ging und geht es nicht. Wenn man sich die komplette Videosequenz anschaut, so sieht man ein Mädchen, das vor Freude strahlt, das perfekt Deutsch spricht, das Sprachen mag (Quelle: NDR).

Sie erzählt von Träumen, sie erzählt davon, dass sie mal studieren möchte. Und dann sackt etwas in ihr zusammen, ihre Gesichtszüge bekommen einen anderen Ausdruck. Ein Gedanke erfasst sie mit voller Wucht, liegt plötzlich wie eine schwere, schwarze Wolke über ihrem Lächeln. Ihre Familie hat noch kein klares Aufenthaltsrecht, stand vor wenigen Wochen kurz vor der Abschiebung. Sie sagt: „Es ist sehr unangenehm, zuzusehen, wie andere das Leben genießen können.“

Deutschland diskutiert seither darüber, ob die Bundeskanzlerin angemessen reagiert hat. Es zeigt, dass wir den Kern des Problems noch nicht verstanden haben. Wenn Flüchtlinge wie Reem hier in Deutschland zu Bildungsflüchtlingen werden, die trotz Ausbildung jederzeit abgeschoben werden können, entspricht das einfach nur der ungewissen Situation der vielen anderen Flüchtlinge in weltweiten Camps. Sie sind im Libanon oder in Jordanien geduldet, aber eine selbstbestimmte Gestaltungsperspektive haben sie nicht. Man zeigt ihnen in Deutschland vorübergehend das Antlitz der Menschlichkeit, das Paradies auf Erden, aber ein unbefristetes Recht auf ein würdevolles Leben hier gesteht man ihnen nicht immer zu. Das ist grausam.

Nein, wir können nicht allen helfen

Es wäre vermessen, zu behaupten, wir können allen Notleidenden auf der Welt helfen. Nein, das können wir nicht, leider, aber darum geht es auch nicht. Aber man kann Menschen auch nicht die rechte Hand reichen, um sie dann mit der linken Hand später wieder auszuweisen. Das ist unmenschlich. Reem hat innerhalb von vier Jahren Deutsch gelernt, nun als Einzige in der Klasse eine 1 auf dem Zeugnis bekommen. Sie wird sich ihr Leben lang daran erinnern, aber ich befürchte, wir werden Reem bald wieder vergessen haben.

Ist ja Urlaubszeit, kommen ja täglich andere Nachrichten rein. Aus Griechenland, aus dem Irak, aus Bolivien. So wenig wir alle diese Nachrichten aufnehmen können, so wenig können wir alle Notleidenden im Land aufnehmen. Wir zerstreuen uns also wieder, gehen wieder unserem Alltag nach und verlieren wieder die Wertschätzung für das, was im Leben wirklich wichtig ist.

Bildung für alle hat mit Freibier nichts zu tun

Es geht um Lebensperspektiven in der Bildung, mit der Bildung und nach der Bildung. Der Wert der Bildung besteht darin, eine Chance im Leben zu bekommen. Die bekommen viele Deutsche nicht einmal, weil unser Bildungssystem verkrustet und unfair ist. In einem Land wie Deutschland, in dem die Herkunft und Ausbildung der Eltern für die Perspektiven der Kinder noch immer eine so dominante Rolle spielen, haben es Menschen aus der Fremde noch einmal schwerer. Sie müssen nicht nur die Sprachbarrieren überwinden, sondern sie haben noch eine viel größere Orientierungsleistung im neuen Land zu vollbringen. Nicht jeder ist dabei so begabt wie Reem. Da hat die Bundeskanzlerin Recht.

Aber wenn wir nicht einmal für solche begabten Menschen Platz schaffen können, die motiviert sind und Leistung zeigen, ist das ein fatales Signal für alle Bildungswilligen im Land. Bildung für alle hat mit Freibier nichts zu tun. Reem hat uns mit ihrem hoffnungsfrohen Lächeln gezeigt, wie sehr wir von einer bunteren Gesellschaft dauerhaft profitieren können. Weniger wirtschaftlich als vielmehr erst einmal menschlich. Ich möchte auch morgen noch lächelnde Gesichter im Land sehen. Lächeln kennt keine Herkunft.

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