Bild2Unsere Städte wachsen kontinuierlich, unsere Schulen schließen auf dem Land mangels Schülerzahlen. Ernährungswissenschaftler beklagen den Bewegungsmangel von Kindern und die zunehmende Tendenz zur Fettleibigkeit. Der Breitbandausbau in ländlichen Räumen wird dagegen mit aller Macht vorangetrieben. Sitzenbleiben am Computer ist angenehmer als in der Schule.

Die Drossel singt nur noch in Kinderbüchern. Draußen, wo zu viel Gegend ist, hört sie keiner mehr. Jede Erkältung auf engstem Raum wir heute zum familiären Drama. Wir stecken uns mit den Sorgen unserer Nachbarn an. Wir stecken uns mit den stetig steigenden Ansprüchen des Stadtlebens an. Die städtische Unruhe ist deutlicher zu spüren denn je. Die Naturbildung der Kinder, die auf dem Land aufwachsen, schwindet. Wie wirkt sich langfristig die Verstädterung auf die Bildung aus?

Die Verstädterung ist kein Bildungskonzept

Schnellerer Austausch von Wissen, engere Netzwerke in der Stadt, soziale und kulturelle Nahräume für gemeinsames Lernen in der Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts. Das sind die vermeintlichen Begleiterscheinungen der Verstädterungsbildung. Ich habe gegoogelt und merke an, dass ich den Begriff „Verstädterungsbildung“ erstmals verwende. Ich muss ihn also definieren.

Verstädterungsbildung meint einen Bildungsprozess, in dem sich Menschen zunehmend mit städtischen Bildungskontexten und Bildungsthemen auseinandersetzen, das Wissen um natürliche, ländliche Ressourcen zunehmend verloren geht. Die Eiche kennt bald keiner mehr. Der Buslinienfahrplan ist dagegen über Apps abrufbar. Mit der Verstädterung ist kein Bildungskonzept verbunden. Die Urbanisierung baut Wissensinteressen für unsere natürlichen Ressourcen kontiniuierlich ab, weil Städter glauben, dieses Wissen einfach nicht mehr zu benötigen.

Stadt, Land, Fluss

Früher habe ich häufig „Stadt, Land, Fluss“ gespielt, ein Spiel, in dem es um Wissenskategorien geht. Einer zählt still das Alphabet durch, ein anderer sagt stopp, und dann gilt es, mit dem ausgezählten Buchstaben alle vereinbarten Kategorien auszufüllen. Wer kennt das Spiel heute noch? Land und Fluss kamen als Kategorien immer vor. Wer muss heute noch etwas darüber wissen? Wie sich die Verstädterung auf die Allgemeinbildung auswirkt, steht und fällt eben mit der Definition von Allgemeinwissen.

Die digitalen Eingeborenen wachsen als Generationen immer tiefer in unseren Alltag hinein. Stadtbewohner finden ihr kleines Dorf heute im virtuellen Netz. Wenn der Biologieunterricht vielleicht bald im städtischen Zoo stattfinden wird, können wir das Umland auch gleich abschaffen. Das Lernen durch eigene Beobachtung verkommt zu einem Käfigblick.

Warum rausgehen, wenn drinnen so viel los ist?

Drinnen, das ist die Welt des Fernsehers und des Computers. Sie ersetzt die Welt des aktiven Erlebens und ist höchstens noch Anschauungsunterricht für gelangweilte Eltern und Kinder, die ohnehin schon alles oder nichts haben. Verstädterung heißt auch, neben einem Freund im Bus zu sitzen und sich mit einem anderen Freund über Facebook digital auszutauschen.

Das sind keine sozialen Lernräume. Die Sprachlosigkeit der Jugend ist ein Zwischenergebnis der Verstädterungsbildung. Die neueste App ist wichtiger als der zwischenmenschliche Raum in der Stadt, der zu eng ist, um zu wachsen. Interessant ist digital und immer woanders.

Parallelwelten von Stadt und Land

Gemeinsames Lernen in ständigen Parallelwelten? Unmöglich. Soziale Nahräume? Nicht gewollt in der Stadt. Dafür der ständige Zwang, sich auf engstem Raum vom anderen zu differenzieren. In der Tierwelt gibt es auf engstem Raum eine stärkere Konkurrenz um Nahrung. Diese Konkurrenz hat viele Tierarten über Jahrtausende aussterben lassen. In der dichter werdenden Menschenwelt der Stadt ist das Ich die Konkurrenz. Wo zu viel Gegend ist, ist das Ich nichts. Wo zu viele Menschen leben, ist das Ich alles. Auf dem Land werden gerade die letzten sozialen Bildungsreservate durch eine ökonomische Zentralisierung abgebaut.

In dieser zunehmenden Unausgewogenheit von Stadt und Land verliert sich Grundlagenwissen, das uns noch teuer zu stehen kommen könnte. Was man an Strukturen einmal abgebaut hat, wird so schnell nicht wieder aufgebaut werden. Deswegen sollten wir damit beginnen, darüber nachzudenken, wie wir ländliche Lernräume erhalten können. Unsere eigentlichen Lebensgrundlagen liegen nämlich noch immer draußen auf dem Feld und im Umland.

 

 

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