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Ich darf doch hier mal, oder? Ich meine: Werben. Für meinen dritten Roman „Sie suchen die Sonne“, der in diesen Tagen im Verlag Stories & Friends erschienen ist. In Zeiten von Selfies und rastloser Selbstdokumentation ist die Eitelkeit die letzte Festung, auf der wir thronen können. Das schreibe ich mit einem Lächeln im Gesicht.

Festungen waren immer auch Rückzugsorte in unsicheren Zeiten. Unsichere Zeiten haben wir, denn die Welt wird ständig durch Angst bewegt. Angst, etwas von dem zu verlieren, was wir nicht schätzen oder vielleicht auch nie liebgewonnen haben: Zeit. Keiner hat die heute, keiner. Nicht mehr zum Sprechen, nicht mehr zum Lesen. Aber Zeit hat man nicht, Zeit nimmt man sich. Und deswegen gehört die Literatur zu einem unverzichtbaren Heilmittel für stressgeschwängerte Menschen. Nebenbei bildet sie uns Menschen.

Wir sind Überflieger

Keine Zeit für Nachrichten – wir überfliegen die Zeilen. Keine Zeit für das Studium – Studenten brechen es ab. Keine Zeit wegen der Arbeit – wir funktionieren lautlos bis zum ersten Burnout. Keine Zeit für ein Buch – viele lesen nicht mehr oder das Ende vorab. Wir machen alles schnell, reibungslos, rastlos, haltlos. Wie Überschallflugzeuge überwinden wir Zeit und Raum und vergessen den Wert bodenständiger Perspektiven. Literatur schafft noch solche Orte, Orte, wo sich Menschen als Figuren noch entwickeln dürfen, wo ihnen Zeit gelassen wird. Daher kann Literatur Zuflucht und Weg zugleich sein, um wieder sich und die Zeit zu finden.

Lesezeit ist Lebezeit

Es dauert Tage, bis man einen Roman gelesen hat. Wenn er einen fesselt, wenn einen die Geschichte fasziniert, ist man woanders, schaltet den Alltag ab, schaltet den Mensch ein, der noch immer in uns wohnt. Oder schon nicht mehr? Dann wird es Zeit, ein Haus für ihn zu bauen. Literatur hat kein Alter und altert auch nicht. Alte Bücher bleiben frisch. Und die Erinnerungen an sie. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich als Junge „Der lange Weg des Lukas B.“ von Willi Fährmann gelesen habe. Es war mein „Harry Potter-Erlebnis“. Ich habe das Buch damals nicht zur Seite legen können, sogar deshalb meiner Mutter an einem Montagmorgen Krankheit vorgeheuchelt, weil ich es zu Ende lesen musste.

Bildung beginnt mit dem Lesen

Das Wichtigste, was Lesen an Positivem abwirft, ist Bildung. Menschen bilden sich durch Literatur, weil die Sprache nur im Kontext funktioniert, Handlungen den Leser auf Reisen und zu Orten mitnehmen, zu denen sie sonst kaum gelangen würden. Wir sind gezwungen, uns mit dem Leben anderer auseinanderzusetzen, entwickeln dadurch Empathie für andere, erkennen andere Perspektiven. Und das Lesen ist wohltuend, weil es heute eine der wenigen Dinge ist, die wir nicht beschleunigen können. Es bringt uns Ruhe und neue Frische, die wir im digitalen Zeitalter dringend brauchen. Der erste Satz meines neuen Romans lautet: „Am Anfang schuf Gott die Auszeit.“ Lesen ist wie eine Auszeit. „Ich bin dann mal weg.“

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