Studenten in Vorlesung an der UniversitätDas bundesweite Zentralabitur ist schon seit einiger Zeit Thema Nummer eins wenn es um die Bildungspolitik geht. Und es scheint auch mit großen Schritten voran zu gehen. Allein in diesem Jahr wird in mindestens acht Bundesländer das Abitur unter gleichen Bedingungen geschrieben werden – und das hoffentlich ohne großartige Zwischenfälle. Doch wie viel Sinn macht es tatsächlich? Ist das wirklich der goldene Pfad zu einem aufpolierten, effektiveren Bildungssystem?

Vergleichbarkeit durch Vereinheitlichung

schulklasseDenn mit dem Zentralabitur werden bislang meist noch so manche Pannen verbunden: Unfaire Aufgaben, Fehler bei den Fragestellungen, Prüfungen, die nachgeholt werden müssen oder bei denen die Ergebnisse stark angreifbar sind. Das alles gießt Öl in das Feuer der Kritiker. Lehrer und Schüler treten da ausnahmsweise als Einheit auf und raufen sich zuweilen auf beiden Seiten die Haare. Dabei wird oft vergessen, welche Absicht hinter dem Zentralabitur steckt.

Da ist der durchaus sinnige Gedanke der Vereinfachung und Vereinheitlichung – um so schließlich größere Wettbewerbsfähigkeit zu schaffen. Schließlich erlauben es erst bundesweite Standards, eine nachvollziehbare Vergleichbarkeit zu ziehen. Vereinheitliche Standards bedeuten in der Konsequenz vereinheitlichte Lehrpläne. Das klingt zunächst ein Mal schlüssig, zieht aber Probleme in der Praxis nach sich. Denn dadurch kann auf das jeweilige Niveau der Klassen nicht eingegangen werden, was wiederum die Kritik auf die mangelnden Platz für Individualität lenkt.

Denn es nicht nur so, dass die Lehrer nicht mehr auf die einzelnen Klassen mit ihren Bedürfnissen und Interessen eingehen können, sondern auch die Abituraufgaben, die bis dahin auf die einzelne Stufe zugeschnitten wurden, sind so nicht mehr gegeben. Das ist so durchaus beabsichtigt, aber da sich jetzt alle nach einem starren Lehrplan richten müssen, kann die einzelne Klassenstufe zu kurz kommen. Glück haben die, die da mithalten können. Kommt es aber zu Komplikationen bei der Vorbereitung, wie ein ungeplanter und unersetzter Unterrichtsausfall, kann die einzelne Klasse schnell ins Hintertreff geraten.

Streng nach Plan

Auch für Lehrer kann der strikte Lehrplan sowohl erleichternd als auch einschränkend sein. Einerseits wissen sie genau, wie sie ihren Lehrplan gestalten müssen, andererseits können sie auch nicht von ihm abweichen. Sie können nicht mehr gelegentliche fachliche Exkurse einrichten, durch die der Spaß am Lernen gefördert wird und so die Lehr- und Lernmoral aufrecht erhält. Jetzt steht nur noch der stramme Durchmarsch durch den Lehrplan an erster Stelle. So gehen zuweilen bei der Umsetzung des Zentralabiturs die Vorteile mit den Nachteilen Hand in Hand.

Die einzelnen Lehrer sollen durch das Zentralabitur auch entlastet werden, indem sie nicht mehr die Prüfungsaufgaben stellen müssen. Gleichzeitig müssen sie sich an den vorgegeben Lernplan halten, was so in der Praxis nicht bei allen gleich durchführbar ist, da nicht an allen Schulen die selben Voraussetzungen herrschen. Auf diese Art kann der tatsächlich durchgenommene Lehrstoff nicht in den Abiturprüfungen reflektiert werden, da sie nicht mehr von den verantwortlichen Lehrern gestellt werden.

Stolperfalle Umsetzung

iStock_000009084212SmallDie Vereinheitlichung soll auch eine automatische Qualitätssicherung mit sich ziehen. Fällt da ein Bundesland durch, muss aber der einzelne Schüler darunter leiden. So kehrt sich das Streben nach Gerechtigkeit und Vereinheitlichung ins genaue Gegenteil: Eine ungerechte Benotung, da auf die einzelne Ausgangsposition nicht immer eingegangen werden kann.

Das Zentralabitur hat durchaus gute Absichten und in seinem Grundprinzip macht es sicherlich Sinn. Die Schwachstelle, an der gearbeitet werden muss, ist aber noch die Durchführung. Die Frage stellt sich, ob die Erwartungen an das Zentralabitur zu hoch sind und ob die zuweilen lautstarke Kritik gerecht ist. Denn dass jedes neu eingeführte System in den Anfangsjahren noch an Kinderkrankheiten leiden wird, ist zu erwarten. Lohnt es sich aber auf dem Weg zum gemeinsamen Abschluss einige Opfer zu bringen? Das Fehlen an Platz für die Individualität sowohl der Schüler als auch der Lehrer, die zuweilen unfairen Bewertungen oder Lehrbedingungen, die einfach nicht für alle gleich sein können?

Denn vereinheitlichte Prüfungen setzen auch vereinheitlichte Ausgangspositionen voraus. Noch lässt sich kein pauschales Urteil fällen. Wie vieles andere auch bewegt sich das Zentralabitur in einer Grauzone. Letzten Endes wird man erst in einigen Jahren nach einer eingespielten Routine sagen können, wie es das Lernverhalten beeinflusst und ob die konsequente Ergebnisorientierung des Zentralabiturs ein Nach-oder ein Vorteil ist.

 

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