Bild2„Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.“ Wir alle kennen diesen Spruch, der in gewisser Weise ein gleichgültiges oder ohnmächtiges Schulterzucken um die vielfältigen und komplexen Dinge ausdrückt, die einen Menschen umgeben.

Mit dem 19. Jahrhundert begann der endgültige Siegeszug der Wissenschaften, begann mit der Aufklärung die Moderne, bildeten sich nahezu alle unsere heutigen Hochschuldisziplinen aus. Wir alle glauben heute klüger als die Menschen der Vergangenheit zu sein. Progressive Blindheit kann man das nennen. Alles andere würde ja auch den Wert der Wissenschaften an sich in Frage stellen. Nie jedoch sprechen wir über den Mentalitätswechsel von Gesellschaften, der damit verbunden war und heute jeden Tag zu beobachten ist. Immer mehr Wissen hat nämlich immer mehr Ängste geschaffen. Und immer mehr Fragen…

Von der modernen Mutlosigkeit zu handeln

Interessant ist doch, dass viele Genies der Wissenschaftsgeschichte Vor- und Querdenker waren. Sie hatten Widerstände zu überbrücken, mussten ihre Ergebnisse aus Angst vor Repressalien mitunter geheim halten oder wurden gar verhaftet. Heute darf jeder nahezu frei forschen. Heute braucht eigentlich niemand mehr Angst zu haben, durch bestimmte Ergebnisse in Konflikt mit den Autoritäten zu kommen.

Und doch hat der freie Geist auf der anderen Seite etwas geschaffen, was höchst irrational wirkt. Wir entwickeln immer mehr Ängste, etwas zu tun, was gegen die Vernunft ist. Wir verlassen uns zunehmend auf Kopfentscheidungen und folgen täglich den Geboten der Vernunft. Wir wägen ab, informieren uns sorgfältig vor einer Entscheidung und bemühen uns, jedes Detail im Auge zu behalten. Wir haben mehr Zeit, weil die Produktivität in den letzten zwei Jahrhunderten rasant angestiegen ist. Aber mehr Zeit bedeutet eben auch heute mehr nachdenken. Weil Wissenschaft für uns Wahrheit ist, weil es keine Fehlerkultur mehr gibt, neigen wir dazu, immer mehr Entscheidungen Fachexperten zu überlassen. Wir sind eigentlich überfordert. Willkommen in der Gesellschaft der Ängste!

Erziehung und Selbständigkeit

Genau genommen steht die Perfektion über uns Menschen, haben wir mit dem Einzug der Wissenschaften in unseren Alltag eine weltweite Sprache für Präzision und Perfektion gefunden, die uns Menschen allgemein anerkannte Regeln und Formen gibt. Der früher oftmals bemühte gesunde Menschenverstand ist heute gleichzusetzen mit Formeln und Lehrsätzen, die die Wissenschaften mal geboren haben oder gerade eben neu erforscht haben. Nichts wird dem Zufall überlassen, auch die Kindheit nicht mehr.

Die Erziehung der Kinder passt sich der Mentalität der Erwachsenen an, die alles richtig und perfekt machen wollen und immer unsicherer werden, weil die Angst vor Fehlern mit immer mehr Wissen wächst. Die wissenschaftliche Forschung ist nämlich in nahezu allen Disziplinen darauf aus, neues zu entdecken und altes zu verwerfen. Und genau so verwerfen wir in der Moderne die einstmals alltagsübliche Gelassenheit in der Erziehung und greifen immer mehr in den Alltag von Kindern ein. Selbständig werden die so nicht. Sich ausprobieren lernen sie so auch nicht.

Die Gutachter-Gesellschaft

Ein Gutachten hier, eine Expertenkommission da. Und am Ende Politiker, Journalisten, Menschen, die allesamt überfordert sind. Unmengen von Datenströmen passieren nämlich heute unser Leben, dass wir kaum mehr die Quellen erkennen. Unser Leben ist so gesehen ein Plagiat. Wir sind also nicht mehr echt, nicht mehr ursprünglich, sondern Kopien.

Vielleicht waren wir auch nie echt oder ursprünglich, aber der Verlass auf wissenschaftliche Expertisen hat einen Charakter angenommen, der uns Menschen zeitnahe noch handlungsunfähiger machen wird und nur noch ängstlicher werden lässt. Unsere Gutachter-Gesellschaft ist zudem eine Konstruktion, die ebenfalls Menschen täuscht und ihnen im Alltag den letzten gesunden Menschenverstand zu rauben droht. „Wage zu denken!“ Das war mal ein Spruch der Aufklärung. Heute müsste es heißen: „Prüfe, bevor du handelst und du handelst nie!“

Der Raum für Geistesblitze und spontane Ideenfindungen wird zunehmend kleiner. Kein Wunder also, dass sich die modernen Gesellschaften gerade in einer Wachstums- und Innovationsblockade befinden. Warum? Das wird leider kaum überprüft oder diskutiert.

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