kinderGute Ausbildung? Wenig Ertrag? Zweit- und Drittjob am Wochenende? Für viele ist das Familienleben mittlerweile ein Arbeitsleben. Irgendwann wird der Sonntag ganz abgeschafft. Ich sehe es kommen. Das ist alles eine Sache der Organisation. Doch wer erinnert sich dann an die Zeiten, in denen die Familie und das Familienleben noch ein vertrauter Ort der Bildung war?

Familienbildungsstätten

Der Begriff hört sich nach katholischem Landbürgertum an. Nach Kirchenglocken und einem beschaulichen Idyll. Das waren sie auch und sind sie auch noch für wenige. Dahinter steckt aber viel mehr. Lassen wir mal die Stätten beiseite.

Familienbildung ist etwas, das ganz natürlich passiert, am Küchentisch mit den Kindern, wenn man für sie Zeit hat. Im Wohnzimmer mit dem Partner, wenn man dafür Zeit hat. Draußen beim Einkaufen im Gespräch mit Freunden, wenn die Zeit nicht drängt. Ja, Freunde sind heute auch wie eine Familie, aber ohne Zeit keine Familienbildung. Und weil heute fast alle keine Zeit mehr haben, haben auch fast alle keine Familie mehr, keine wirklichen Freunde mehr. Unsere Familienbildungsstätten sterben aus.

Kinder lernen in der Familie am meisten

Und den Rest erledigt die Schule. Heute ersetzt die Schule vielerorts die Familie. Und es scheint gesellschaftlicher Konsens zu sein, dass die Selbstverwirklichung von Frau und Mann an erster Stelle steht. Wir leben unseren Kindern genau das vor. Deswegen sind ihre Schulnoten immer mehr ein Stimmungsbarometer. Deswegen machen wir alle Druck. Sie sollen sich ebenso selbst verwirklichen können und das geht heute nur noch über die Bildung. Dabei lernen sie am meisten, wenn wir Zeit mit ihnen verbringen, mit ihnen sprechen. Außerhalb der Schule, und nicht nur über Schule und Arbeit.

Uns trennen Welten voneinander

Weil keiner die Welt des anderen mehr wahrnimmt. Hier und da plagen uns Selbstverwirklicher Gewissensbisse. An dunklen Tagen im Winter beschleicht uns manchmal das Gefühl, dass die Selbstverwirklichung eine große Leere hinterlässt. Weil wir in der Selbstabfüllung irgendwie leer geworden sind. Wenn wir erkennen, dass wir alle eigentlich unbedeutender Hintergrund sind, nur Kulisse in einem viel größeren Spektakel, fühlt sich das nicht gut an. Im eigenen Echoraum findet eben keine Bildung statt. In leeren Seminar- und kalten Büroräumen auch nicht.

Wir alle teilen diese Welten, die uns voneinander trennen. Wir schauen manchmal auf die Inseln der anderen, sehen aber das Meer nicht, das dazwischenliegt und uns miteinander verbinden könnte. Wir arbeiten uns ab. Die Wertebildung in der Gemeinsamkeit geht uns verloren. Wir sind frei und verteidigen allesamt den Wert der Freiheit. Das ist richtig. Aber sind wir wirklich frei? Was steckt dahinter? Offenbar nicht so viel, denn um Freiheit zu genießen, braucht man auch Freizeit und keinen Zweitjob als Kurierfahrer und einen Drittjob an der Tankstelle.

Wenn ich so darüber nachdenke, will ich gar nicht, dass sich unsere Kinder von morgen so wie wir verwirklichen. Eigentlich will ich andere Vorbilder und Vorbildungen. Ich mache mich jetzt mal auf die Suche, was es da für Alternativen gibt. Arbeitgeber gesponserte Work-Life-Balance-Geschichten suche ich aber bestimmt nicht.

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