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Es ist schwer, in einem Hochschulseminar von fünfzig Teilnehmern Talente zu entdecken. Meist sind es herausragende Präsentationen, schriftliche Hausarbeiten oder auch Klausuren, die den Dozenten an Hochschulen bestimmte Talente der Studierenden anzeigen können.

Eine Empfehlung der 14. HRK-Mitgliederversammlung vom 14. Mai 2013 im Rahmen der Nachwuchsförderung war, die berufliche Weiterentwicklung der Studierenden zu unterstützen. Dieser Passus bezieht sich vermutlich auf die akademische Weiterentwicklung. Das greift jedoch zu kurz. Wünschenswert ist, dass von den Dozenten zukünftig auch die beruflliche Perspektive der Studenten außerhalb der Hochschule mitgedacht und gefördert wird.

Die Hochschule ist kein Elfenbeinturm

Es ist ein strukturelles Problem, dass Lehrer und Dozenten an Schulen und Hochschulen in der Regel kaum Arbeitserfahrungen außerhalb ihres Berufsfeldes vorweisen können. Die Fachhochschulen sind da weniger von betroffen, weil sie sehr viel praxisorientierter aufgestellt sind. Und dennoch kann man allgemein sagen, dass es bei den Übergängen zwischen Ausbildung und Praxis harkt, die berufliche Beratungskompetenz für junge Menschen zu wünschen übrig lässt, weil zu wenige im Schul- und Hochschulwesen eine gute Überschau auf den Arbeitsmarkt haben.

Mit der stärkeren Selbstverwaltung der Hochschulen, die an sich zu begrüßen ist, sind Professoren noch wesentlicher stärker in interne Prozesse eingebunden. Als Scout und Talentförderer können Sie mangels Zeit kaum noch auftreten, ganz abgesehen davon, dass Seminare mit großer Teilnehmerzahl eben das gleiche Problem haben wie zu große Klassen. Es gibt wie früher Schüler und Studenten, die erst mit spürbarer Vertrauensbildung seitens der Lehrenden eine Leistungsexplosion vollbringen können. Mangelndes Selbstbewusstsein oder mangelnde Spiegelung sind nur zwei Gründe dafür. Man kann die Situation in gewisser Weise mit der eines Arztes vergleichen, dem manchmal nur zwei Minuten pro Patient bleiben, um eine Diagnose zu stellen. Die Qualität leidet darunter zwangsläufig.

Individuelle Förderung an Hochschulen ist trotz knapper Kassen möglich

Die stärkere Anbindung der Lehre an berufspraktische Aufgaben- und Anwendungsfelder ist kein hehrer Anspruch, sondern ein unentbehrliches Qualitätsmerkmal für eine gute Ausbildung. Lehrer und Dozenten müssen daher viel stärker in ihrer Fortbildung gefördert werden, wenn es um konkrete Arbeitsmarktentwicklungen in ihrem Lehrbereich geht. Dadurch erfahren sie laufend, welche Kernkompetenzen die Studierenden benötigen, welche aktuellen Trends der Arbeitsmarkt aufnimmt.

Zugleich können diese Fortbildungen die Lehre verbessern und eine bessere Verzahnung zwischen Lehrinhalten und Praxis herstellen. Die individuelle Auseinandersetzung mit Nachwuchstalenten ist der zweite Grundstein. Dozenten sollten hier mehr kreativen Freiraum bekommen, um den Weg der Studierenden auch außerhalb des wissenschaftlichen Feldes besser begleiten zu können. Noten spiegeln im Prüfungsmarathon nur bedingt das Leistungsvermögen der Studierenden wider. Ich stelle mir keine Einführung von Kopfnoten vor. Vielmehr geht es mir darum, die arbeitsmarktorientierte Beratungskompetenz der Lehrenden zu erhöhen.

Viele Studierende haben nach dem Bachelor-Abschluss noch immer keine genaue Ahnung, was sie im Anschluss machen können oder machen sollen. Ohne sie von der Verpflichtung der eigenen aktiven Orientierung entlassen zu wollen, wäre ein in der Berufswahlentscheidung kompetenter Dozent als Begleiter wünschenswert. Hierfür sind noch einige Anstrengungen nötig, aber generell ist eine Hochschule nur so gut, wie sie Studenten erfolgreich in die Berufspraxis entlässt. Spätestens, wenn diese Quote nachhaltig schlecht ausfällt, wird man im Hochschulmanagement über solche berufsorientierte Fortbildungen für die Lehrenden nachdenken müssen.

 

 

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