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Ein Schuljahr ist fast wieder vergangen, die Ausbildung steht vor ihrem Abschluss und die Prüfungszeit des Sommersemesters beginnt. Interessant, wie alle Bildungsteilhaber von Müdigkeit sprechen, von dem dringenden Bedürfnis nach Urlaub, von der Unlust, noch für die Prüfungen zu lernen. Bildung trägt man im Kopf, und abschalten kann man den nicht. Feierabend? Wie wird das Wort geschrieben?

Nachtstunden fallen an, Augen fallen zu, Lösungen fallen ein, Stress fällt auf. Die Kaffeemaschinen machen Überstunden, der Schlaf nimmt sich eine Auszeit. In den Fluren der Schulen und Universitäten schleichen Lehrkörper und Leerkörper. Was an Stoff behalten wurde, ist ungewiss. Warum hat die Bildung keine Zeit mehr? Warum haben die Bildenden keine Zeit mehr?

Ich trage auch im Sommer Rollkragenpullover und studiere im 40. Semester Soziologie, Politik und Geschichte

Nein, diese Studenten gibt es nicht mehr. Nicht einmal mehr auf dem Papier. Sie sind von der Bologna-Reform und immer neuen Prüfungsordnungen überholt worden. Studieren ist kein Lifestyle mehr. Studieren ist ein Wettlauf. Schule und Abitur auch. Sorgentelefone werden zum Ende eines Schuljahres eingerichtet. Da kann man eine Nummer anrufen. „Hallo?“ „Ja, ich wollte melden, dass ich ein schlechtes Zeugnis habe.“ „Und wie fühlst du dich jetzt?“ „Als Mensch ganz gut, als Schüler geht so.“ Eigentlich wird es auch langsam Zeit, dass wir aus G 8 ein G 7 machen. Bildung folgt ja der Politik. Putins Schulzeugnis interessiert uns nicht mehr, aber wir würden schon ganz gern wissen, welche Note Obama in Mathematik hatte. Nein, ehrlich, liebe Schüler und Studenten. Später interessiert sich keiner mehr für eure Noten von früher. Ich bin jetzt mal ein Spielverderber.

Frühkindliche Bildung

Gab es früher nicht. Wir Kinder aus der Vorschlagwortzeit sind ungebildet aufgewachsen. Da ist nichts passiert. Unsere Betreuer hießen noch Kindergärtnerinnen und Kindergärtner. Ach, wie schön! Muss man sich aber leisten können. Heute heißen sie jedenfalls Lehrkräfte für besondere Aufgaben, oder? Ich warte auf die Zeit, in der Fünftklässler auf Business-Meetings internationale Unternehmen repräsentieren. Im Profifußball klappt das auch schon ganz gut. Alles muss professionalisiert werden. Ganz besonders der erwachsene Mensch. Er muss und will bewertet werden. Ständig. Kinder werden nicht danach gefragt. Drum prüfe, wer wen bildet. Zeit dafür haben sie nicht, die Kinder.

Ich habe acht Zeugnisse und sieben Zertifikate

Wenn Menschen Zeugnisse und Zertifikate horten, in Vitrinen ausstellen, gleichen sie Briefmarkensammlern, die auch nie genug haben können. Jetzt streikt die Post leider gerade, aber die dürfen das auch. Die Bildung darf nicht streiken. Die Bildenden auch nicht. Für unlustige Zeiten gibt es leistungssteigernde Pillen. Dann schafft man es auch, in zehn Jahren acht Zeugnisse und sieben Zertifikate vorlegen zu können. Das reicht vielleicht bis zum vierzigsten Lebensjahr. Dann kommen die nächsten Generationen, neue Prüfungsordnungen, neue Zeugnisse und neue Zertifizierungen. Die neuen Generationen haben dann zehn Zeugnisse und zwölf Zertifikate. Wahnsinn, wie die Zeit vergeht. In diesem Sinne wünsche ich allen gute Zeugnisse und erfolgreiche Prüfungen. Und nicht vergessen: Ein bisschen lächeln darf man während dieser stressigen Zeit. Natürlich nur, wenn das Lächeln zertifiziert ist.

 

 

 

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