soziales_schuleDas Neue Jahr hat mit Kälte und leichtem Schnee begonnen. Hoch oben auf dem Leuchtturm sitzt Peter und beobachtet den Vogelflug. Die Möwen machen einen großen Bogen um die Winde, die sich aufs Land senken wollen, in dünnen Gräserreihen an der Küste Schneisen dreschen und doch wieder und wieder aufgewirbelt werden. Die Kamikaze ähnelnden Sturzflüge der Möwen sind beachtlich.

Peter denkt, die Möwen verhalten sich wie die Menschen. Sie versuchen einen großen Bogen zu machen um die Winde, die immer rauer werden. Aber morgen, morgen ist der Wind stiller. Das denken wir alle. Das hoffen wir alle. Dann können wir uns wieder setzen und unser gemütliches Leben weiter führen. Allein Peter sieht von hoch oben, dass sich hinten schon die nächsten Tiefausläufer formieren. Er kann nicht nur die Wolken deuten, er hat auch ein Gespür für das Wetter bekommen, sagt er. Eine Prognose wagt er dennoch nicht. Er ist für die Robben zuständig und zählt sie jedes Jahr aufs Neue auf dieser einsamen, nordfriesischen Naturschutzinsel.

Die Vogelwarte und der Blick nach vorne

Ob er enttäuscht sei als diplomierter Biologe, keine feste Anstellung gefunden zu haben, frage ich ihn. Nein, sagt er, das Leben sei sowieso ein Projekt auf Zeit. Ansonsten bleibt er recht wortkarg. Die Kegelrobben gähnen bei meiner Frage. Unsere Gedanken schweifen schließlich mit den Winden zur See zurück. Eine Sturmflut hat man gemeldet. Die Radiostimme in unserer kleinen Warte klingt für norddeutsche Verhältnisse schon dramatisch.

Peter ist gebildet, denke ich. Gerade einmal dreißig Jahre alt. Kegelrobben werden nicht viel älter. Einen „Artenschutz“ genießt er jedoch nicht. Der Arbeitsmarkt kennt keinen Artenschutz. Diplomierte Biologen und alle, die Orchideenfächer studieren, würden ohnehin nicht darunter fallen. Vor wenigen Tagen noch hat der Papst deutlich ausgedrückt, dass die Welt in ihrer Wirtschaftsweise für junge Menschen ungerecht sei. Ich weiß nicht, ob ich dem uneingeschränkt zustimmen kann. Ich sehe auch die neue Freundin aus Tunesien, die als ausgebildete Ärztin zum neuen Jahr an einer renommierten Klinik eine Chance bekommen hat. Ich würde eher sagen, dass der Arbeitsmarkt unberechenbarer geworden ist.

Bildungsgerechtigkeit und Bildungschancen

Ich denke, dass die Vielfalt, die wir im Ökosystem erhalten müssen und wollen, auch für Menschen gelten sollte. Wenngleich Peter bei seinen wenigen Sätzen kein bisschen verbittert wirkt, bin ich es an seiner Seite umso mehr, wenn ich sehe, dass sich bei der Entwicklung zu mehr Vielfalt bei Bildungsangeboten und auf dem Arbeitsmarkt nicht wirklich etwas tut. Es sind immer die gleichen standardisierten Inhalte und Angebote.

Es werden Menschen mit mehrjährigen, beruflichen Erfahrungen gesucht, die ihnen aber zuvor immer weniger Unternehmen anbieten. Das Thema der Bildungsgerechtigkeit und der Bildungschancen sollte eigentlich kein staatlich gefördertes Bildungsprogramm sein, denn grundsätzliche Menschenrechte fördert man hierzulande ja auch nicht mit staatlichen Subventionen. Viele sprechen immer davon, dass unser Arbeitsmarkt flexibler werden muss. Gemeint sind damit meistens zu starre Kündigungsregeln und Forderungen nach flexibleren Befristungsmöglichkeiten.

Neue Bildungschancen zu kreieren, das mag für einen launisch gewordenen Arbeitsmarkt schwierig und bei einer zahlenorientierten Sichtweise in Richtung Vollbeschäftigung eine veraltete Debatte sein. Für mich bleibt das Thema aktuell und wichtig. Genauso wie die Vielfalt der Bildung und der Bildungswege, die ein Mensch beschreiten kann. Sonst können wir bald Menschen mit Projekten betrauen, die andere Menschen zählen müssen, nur weil diese Wege beschritten haben, die irgendwann keiner mehr kennt. Der Bestand der Kegelrobben sei nicht mehr ganz so gefährdet, sagt Peter schließlich. Und er könne von achthundert Euro netto im Monat ganz gut leben.

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