GENYDer Mangel an Auszubildenden macht sich nun auch in der Industrie immer stärker bemerkbar. Klassische Ausbildungsberufe wie Industriekauffrau/Industriekaufmann, die jahrzehntelang unter den Spitzenreitern der beliebtesten Ausbildungsberufe waren, verlieren an Bewerberzahl und Bedeutung. Die Gastronomie und der Hotel- und Gaststättenbereich haben wegen der Arbeitszeiten schon länger ein Imageproblem. Und selbst Handwerksbetriebe suchen bei guter Auftragslage seit Jahren händeringend nach jungen Fachkräften.

In manchen Branchen ist das ein hausgemachtes Problem. Über Flurfunk sind schlechte Nachrichten über unzumutbare Arbeitsbedingungen für Auszubildende verbreitet worden. Aber das Kernproblem für den Mangel an Auszubildenden und Ausbildungswilligen liegt meines Erachtens ganz woanders.

Bildungssteuerung und Bildungsübersteuerung

Die Zahl der Abiturienten hat sich innerhalb weniger Jahrzehnte vervielfacht. Mit dieser Entwicklung hat sich der gesellschaftliche Druck für junge Menschen, ein Abitur oder Fachabitur zu absolvieren, enorm erhöht. Der Abschluss der Mittleren Reife, früher einmal der klassische Weg für den Ausbildungsstart, hat heute ein Image, das bei vielen Eltern und damit auch bei den Kindern als unzureichend empfunden wird. Man kann bei diesem Abschluss getrost von einer gesellschaftlichen Entwertung sprechen, die dazu führt, dass viele jungen Menschen zum Abitur getrieben werden, ohne sich annähernd dabei wohl zu fühlen oder auch die erwartete Leistung zu erbringen.

Was einmal als Bildungssteuerung angedacht war, ist heute zu einer maßlosen Bildungsübersteuerung geworden. Mit fatalen Folgen. In vielen Unternehmen erwarten Personalleiter von Auszubildenden wie selbstverständlich heute das Abitur. Statt gegenzusteuern haben Unternehmen diese Entwicklung forciert. Daher stehen manche nicht ganz schuldlos der Personalmisere von Ausbildungswilligen gegenüber. In manchen mittelständischen Unternehmen beklagt man sich darüber hinaus seit Jahren über die fehlende Ausbildungsreife junger Menschen, hat aber zugleich die personelle Infrastruktur so auf das Tagesgeschäft fokussiert, dass es hier komplett an Ausbildungsbegleitung fehlt.

Mittlere Reife ist noch immer ein Qualitätsabschluss

Kein Mensch kommt reif auf die Welt, und was früher selbstverständlich war, nämlich die intensive Ausbildungsbegleitung und Betreuung durch geschultes Personal im Unternehmen, wird heute mancherorts als zusätzliche Last im hektischen Tagesgeschäft empfunden. Mittlere Reife heißt nicht, einen jungen fertigen Menschen an einen Arbeitsplatz zu setzen, um ihm dann gleich Aufgaben einer Arbeitskraft in Vollzeitbeschäftigung mit langjähriger Berufserfahrung anzuvertrauen. Die berufsnotwendigen Grundlagen in den Hauptfächern Mathe, Englisch und Deutsch sind für viele Ausbildungsberufe nach der Mittleren Reife gegeben. Klagen über das Niveau der Rechtschreibung sowie Schwächen in den Rechenarten helfen keinem weiter.

Aber Geduld und die Freude an der Vermittlung von Wissen scheint in der Arbeitswelt von heute ein schwieriges Unterfangen zu sein. Und soziale Kompetenzen müssen sowohl Ausbildungsunternehmen als auch Auszubildende im Miteinander beweisen. Das ist keine Einbahnstraße von Befehl zu Gehorsam. Vielleicht sollte man allseits wieder mehr darüber nachdenken, was junge Menschen mit 16 oder 17 schon alles können.

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