abitur_hsbIch fühle mich abgehängt. Ungebildet. Ich kenne meine Sprache nicht. Diese Sprache, die häufig in grauen Briefumschlägen eingepackt ist und die man lesen muss. Graue Briefumschläge bedeuten, die Post ist wichtig. Und was das Amt oder eine andere Behörde schreibt, ist mindestens zur Kenntnis zu nehmen. Zur Kenntnis nehme ich immer deutlicher, dass ich in dieser Gesellschaft sprachlich nicht mitgewachsen bin. Und ich bin sicher, dass es vielen von uns mittlerweile so geht. Deutsch für Entrückte ist eine eigene Sprachwelt.

Die Sprache als eigener Film

Irgendwo in Deutschland. 16:30 Uhr. Das Haar liegt gut. Die Arbeit ist getan. Herr/Frau Mustermann (so heißen wir doch alle) kommt zufrieden nach Hause. Er/Sie öffnet den Postkasten und bekommt ein beklemmendes Gefühl im Magen. Graue Post. Was ist denn jetzt wieder los? Irgendwas vergessen?

Der erste Satz fängt schon mal gut an: Sehr geehrte Frau Mustermann, sehr geehrter Herr Mustermann, wie uns heute erst aufgefallen ist, haben Sie nach § XY, Absatz 3 und § YX, Absatz 1 zu Unrecht Leistungen…., die von uns sowohl nach § XY, Absatz 3 und § YX, Absatz 1 auch noch nach drei Jahren zurückgefordert werden…Leistungen? § XY und § YX. Bei Frau und Herr Mustermann knattert es im Kopf. Das Abendessen muss warten, denn die unterschwellig bedrohliche Tonalität und Dringlichkeit des Schreibens (Mustermanns müssen sich innerhalb von 14 Tagen dazu äußern) hat Priorität. Google spuckt Wikepdia aus, und Wikipedia’s Beitrag zu den Paragrafen ist hier von einem Menschen geschrieben worden, der sicher in der Behörde arbeitet. Ein Tisch ist ein Tisch ist ein Tisch…

Mustermänner als Mustervorbilder

Es herrscht Verstimmung im Hause Mustermann. Das Abendbrot wird mit Paragrafen im Kopf zerkaut. Der Fernseher bringt auch nicht die gewünschte Ablenkung. Eine Woche später sieht es noch genauso aus. Was sollen die Mustermänner und Musterfrauen auch mit Schreiben machen, die sie nicht verstehen? Zugeben ist keine Lösung.

Also anrufen in der Behörde. Keiner da. Die eigene Pause ist um. Anrufen in der Zentrale. Die Mittagspause wird in der Warteschleife verbracht. Der Chef kommt rein, die Mustermänner und Musterfrauen legen auf. Dann ist es wieder Abend. Sie beschließen, der Behörde eine ehrliche Antwort zu schreiben. Wir verstehen Ihr Schreiben und Ihr Anliegen nicht.

Wie kann sich so eine Sprache bilden?

Wochen später. Familien Mustermann kommt wieder gegen 16:30 Uhr nach Hause, öffnet wieder den Postkasten und erblickt erneut graue Post. Herzrasen beginnt. Noch im Flur öffnen die Mustermanns das Schreiben. Auf einer Seite nur drei Sätze. Und zwei Worte, die die nervösen Augen als allererstes scannen. Entschuldigung und Versehen. Ja, das Brot schmeckt wieder. Aber diese Sprache muss wirklich ein Versehen sein. Wie aber kann sich so eine Sprache bilden?

Steile These zur Behördensprache

Ich glaube, dass sich diese Behördensprache irgendwann in der Einsamkeit von Sachbearbeitern in muffigen Büros mit zu wenig Luftzufuhr entwickelt hat. Diese Sprache hat sich über Jahrzehnte verselbständigt. Sie liest sich formell, streng, offiziös, aber sie ist in Wahrheit unverständlich für die Mustermanns der anderen Welt.

Ach, ja. In der anderen Welt gab es neulich einen Mann, der einer Behörde aufgrund einer Klärung seine Promotion und sein Abiturzeugnis vorlegen musste. Er erhielt zwei Wochen später einen Anruf der Behörde, dass das für den Nachweis der Schulzeiten eigentlich nicht ausreiche und was er denn dazwischen gemacht habe. Dieser Mann kennt persönlich keinen, der zwischen Sekundarstufe I und Abitur eine Weltumsegelung gemacht und sich danach kurzfristig zum Abitur gemacht hat. Aber Behörden dürfen so etwas eben nicht ausschließen. Leute gibt’s. Und davon genug.

Aufruf zu Unsätzen

Zur Rettung der deutschen Amtssprache braucht man nicht viel zu tun. Die entwickelt sich von alleine weiter und wird auch in hundert Jahren noch überleben. Aber für uns Musterfrauen und Mustermänner wäre eine Übersetzung sinnvoll. Obgleich ich ein Genitivfetischist bin, sind mir dann fünf Genitivverbindungen in einem Satz doch zu viel.

Deswegen rufe ich hiermit alle auf, Unsätze aus der Behördenwelt zu zitieren, weil Sprache etwas ist, das Menschen zusammenbringt und uns bildet. Was Unsätze sind, entnehmen Sie bitte dem baldigen Wikepdia-Artikel, der gerade in der Mache ist. Noch Fragen?

 

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