jenga-turmNein, es ging kein Aufschrei durch das Land, als am 6.November 2014 bundesweit Lehrbeauftragte gegen die Arbeitsbedingungen an Hochschulen und gegen ihre prekäre Bezahlung protestierten. Und nur dem Tagesspiegel war es ein Artikel wert. (Quelle: Tagesspiegel)

Vermutlich liegt das daran, dass Lehrbeauftragte kommen und gehen, billige Aushilfen, perfekte Lückenfüller und hervorragend ausgebildete Projektmanager sind – und für Hochschulen glücklicherweise – schnell und jederzeit ersetzbar sind. Ihre Zahl hat an deutschen Hochschulen rapide zugenommen, als sich die Pflichtkataloge von Bachelor- und Masterstudiengängen wie Segel auf hoher See bei Windstärke 10 aufblähten. Was folgte, war die große Stunde der Bildungsökonomen in den Verwaltungen und Dekanaten, die gleich erkannten: Diese  Angebotsbedarfe in allen Studiengängen können wir finanziell überhaupt nicht mit unserem verbeamteten Personal stemmen. Schnell fand man den Ausweg über die vermehrte Inanspruchnahme von Lehrbeauftragten.

Heute zeigt sich an kaum einem anderen Punkt so deutlich, wie desaströs teilweise Hochschulen im Reich ihrer zunehmenden Selbstverwaltungshoheit gemanagt werden. Grund genug, einmal mehr das deutsche Hochschulsystem näher unter die Lupe zu nehmen und auf die Arbeitsbedingungen ihrer Lehrbeauftragten einzugehen.

Was sind Lehrbeauftragte und warum braucht man sie an Hochschulen?

Lehrbeauftragte sind in der Regel Dozenten, die an den Hochschulen ohne ein festes Beschäftigungsverhältnis Lehrveranstaltungen abhalten und dafür ein Honorar erhalten. Sie werden nicht selten aus der beruflichen Praxis geholt und rein oberflächlich betrachtet könnte man von einer Win-Win-Situation sprechen. Die Universität profitiert dadurch von mehr Praxisdurchdringung und einer besseren Angebotsbreite in der Lehre, während der Honorardozent sich in seiner beruflichen Praxis mit seiner Lehrtätigkeit an einer Hochschule schmücken darf. Wo ist also das Problem?

Angebotsvielfalt und Qualitätsarmut an den Hochschulen

iStock_000009084212SmallMit dem Bologna-Prozess und dem Ziel der besseren Vergleichbarkeit von Hochschulen hat die Politik erkannt, dass Hochschulen dann auch stärker in die Lage versetzt werden müssen, ihre Mittel selbst zu verwalten, um ihre Profile besser zu schärfen. Die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge hat dazu geführt, dass Hochschulen auf der einen Seite die notwendigen wissenschaftlichen Qualitätsstandards weiter nachweisen müssen, auf der anderen Seite aber dafür Sorge zu tragen haben, dass sie mit ihren Angeboten für Studenten attraktiver werden.

In diesem Spagat entstanden in den letzten Jahren zunehmend Drucksituationen, die man mit einer Frage beschreiben kann. Wie können wir unseren Studenten an den Hochschulen im Rahmen ihres Lehrplans eine Angebotsvielfalt bieten, ohne an den geforderten Qualitätsstandards zu rütteln? Diese Frage ist von der Praxis längst beantwortet worden. Die Formel – Mehr Angebote bei gleichbleibender Qualität – hat noch nie irgendwo funktioniert. Aber was tun, wenn ein Hochschulpakt nach dem anderen zwischen Ländern und Hochschulen die Einschreibungszahlen zum Fixpunkt der Hochschulfinanzierung macht? Die Lösung hieß und heißt noch heute: Lehrbeauftragte!

Bildungsland Bayern und wie das „mia san mia“ in deutschen Hochschulen gelebt wird

Jüngst ging aus einem Bericht der bayrischen Staatsregierung hervor, dass Lehrbeauftragte an manchen bayrischen Hochschulen schon über 50 % der gesamten Lehre abdecken. (Quelle: bayrvr.de) Manche renommierte Bildungswissenschaftler flüstern hinter vorgehaltener Hand bereits, dass ein System, dessen Bedarfe vom eigenen Personal nicht mehr gestemmt werden könne, immer mit Fremdkräften arbeite. Und zu vorgerückter Stunde bei einem letzten Glas Bier vergleichen Sie die Situation sogar mit der im Pflegebereich, wo es ja auch schon längst nicht mehr ohne osteuropäische Pflegekräfte gehe.

Aber mit der „mia san mia“-Mentalität feiern Deutschlands Hochschulen weiter fröhlich ihre Selbstverwaltung und gehen langsam aber sicher mit ihrem mantramäßig vorgetragenem Qualitätsanspruch unter, weil der mit dem laufenden Finanzierungskonzept des Hochschulpakts und der Unerfahrenheit der Hochschulmanager in der Verwaltung nicht aufrechtzuerhalten ist.

Unterbezahlte Fremdkräfte – Wie Lehrbeauftragte ausgebeutet werden

MeetingDer Qualitätsanspruch an Hochschulen wird auf dem Rücken der Lehrbeauftragten ausgetragen. Lehrbeauftragte bekommen in der Regel nur das Honorar für gehaltene Stunden und dürfen dazu nicht mehr wie 8 SWS lehren. Dafür erhalten Sie durchschnittlich nicht mehr wie 40 Euro pro gehaltene Stunde. Neben durch Feiertage bedingte Ausfälle oder Exkursionen anderer Seminare werden Ihnen Anfahrtskosten, Klausurkorrekturen oder auch dienstleistungsorientierte Sprechstundenangebote überhaupt nicht vergütet. Bei einer Seminarzahl von vierzig Studenten und mehr in den einzelnen Seminaren ist das bei allem Willen zur Qualität nicht zu leisten.

Die scheinbare Win-Win- Situation geht nicht auf. Viele Dozenten sind selbständig. In einem festgefügten betrieblichen Alltag könnten Honorardozenten ohnehin nicht die Kapazitäten für die beträchtliche und dazu noch unvergütete Mehrarbeit aufbringen. Das Honorar der Lehrbeauftragten ist zudem sozialversicherungspflichtig, das heißt, davon müssen sie alle typischen Kosten der Sozialversicherung abdecken oder abrechnen.

Die zunehmende Selbstverwaltung von Hochschulen hat die Alma Mater in Deutschland irgendwann in den letzten zehn Jahren zu einer wirtschaftlich mehr oder weniger funktionierenden Betriebseinheit gemacht. Und man kann leicht den Eindruck gewinnen, dass die Hochschulen auf diesem Weg vergessen haben, dass mit den Lehrbeauftragten Menschen an der Universität arbeiten, die junge Menschen in ihrer akademischen Ausbildung auf den späteren Beruf vorbereiten sollen.

Als Zeitarbeiter in der Bildung neben Professoren zu arbeiten, die ihre Pensionen in trockenen Tüchern haben und den Glanz und Ruhm einer Hochschule alleine einstreichen, ist für immer weniger Lehrbeauftragte attraktiv. Und diese Arbeitsbedingungen sind erst recht keine Motivation für diejenigen, die an den Hochschulen noch daran glauben, dass man allein durch eine gute Fachausbildung später sein Leben bestreiten kann. Arme Aussichten für die Hochschulbildung in Deutschland.

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