Bild2Ich sehe vom Balkon aus Kinder, die die Straße zum kleinen Bahnhof mit ihren Fahrrädern einnehmen. Es ist bunt geworden, es ist lauter geworden auf der Straße vor meiner Haustür. Ich ertappe mich dabei, wie ich bei vorbeigehenden Passanten des Flüchtlingsheims arabische Gesprächsfetzen aufnehme. Manches verstehe ich noch. Vieles nicht mehr. Ich habe die Sprache mal studiert und gelernt. Und sie wieder etwas verlernt.

Als ich mein Studium der Islamwissenschaft abgeschlossen hatte, gab es diese Zahl der arabischen Flüchtlinge nicht. Es gab Adel, jenen Flüchtling aus dem Libanon, der mein Arbeitskollege und Freund wurde, und eben viele Kommilitonen aus Ägypten. Dann gab es den 11.September 2001. Mein Freund Adel hatte nach diesem Ereignis Probleme, eine Wohnung für seine Familie zu finden. Und die Kinder in meiner Straße, die heute unter den Folgen leiden, waren damals nicht einmal geboren.

Krieg ist die Sprache der Erwachsenen

Nach dem 11. September 2001 war alles anders. Plötzlich klopfte man mir für mein Orchideen-Fachstudium auf die Schulter, stellten Menschen mir merkwürdige Fragen zur Kultur des Islams und gaben zugleich Meinungen ab, die sie aus dem Fernsehen hatten. Ich dachte damals schon, wie es wäre, wenn man die bayrische Kultur mit der deutschen Kultur gleichsetzen würde, denn in der politischen Diskussion entstand damals als Reaktion auf die Terroranschläge eine hitzige Debatte über den Begriff der deutschen Leitkultur. Der Begriff Leitkultur war mir inmitten einer zunehmenden Individualisierung und sozialen Verrohung der Gesellschaft schon damals fremd. Oder haben arme Menschen heute mehr mit reichen zu tun? Sind wir hier heute im Umgang miteinander menschlicher geworden?

Al-Quaida hat mit den Terroranschlägen von 2001 ebenso wenig eine islamische oder muslimische Leitkultur begründet wie die Bayern eine mit ihren Weißwürsten. Religion, Nation und Region in einen Topf zu werfen, mag jetzt irgendwie unzulässig sein. Aber mal ehrlich. Das passiert doch ständig. Was wissen wir denn genau von den Menschen, die in den arabischen Ländern leben? Und was wissen wir Nicht-Bayern aus Deutschland von den Bayern? Keiner spricht vom bayrischen Extremismus, wenn das Maß voll ist.

In beiden Teilen der Weltkugel gibt es gute und böse Menschen, komische wie weniger komische Menschen. Was hat das mit Religion zu tun? Und was mit der Nation oder Region? Offenbar beginnt der Krieg der Erwachsenen wirklich in den Köpfen und diese Sprache ist sein Verräter und spaltet uns alle munter weiter.

Die Angst vor Überfremdung

Wie fremd ist jemandem ein Nachbar, der seine Grünfläche millimetergenau mit einer Nagelschere bearbeitet? Oder jemand, der hinter Ihnen im Autoverkehr ständig Ihr Heck küssen möchte? Jemand, der nicht freundlich grüßen oder gar nicht grüßen kann, obwohl sie ihn schon lange kennen?

Die Angst vor Überfremdung, die in vielen Köpfen leider wieder Hochkonjunktur hat, ist nichts Anderes als die Angst vor weiterer Überforderung im Leben. Die privaten Lebensverhältnisse und Umstände jedes Einzelnen haben sich in den letzten beiden Jahrzehnten so dramatisch verändert, dass bei vielen daraus eine regelrechte Angst entstanden ist. Das digitale Leben hat alles beschleunigt, hat echte soziale Nahräume bis auf ein paar Restinseln vielerorts nahezu zerstört, dass viele nicht mehr imstande sind, gemeinschaftlich zu definieren, was überhaupt zur eigenen Wertekultur und Tradition gehört und was nicht. Vieles im Leben ist noch komplexer geworden, weniger verstehbar.

Fremde Fernsehwirklichkeiten

Was mit den grausamen und menschenverachtenden Terroranschlägen begründet wurde, ist allerdings eine neue Angstvorstellung vor Fremdheit und vor dem Islam in weiten Teilen der westlichen Gesellschaften. Es sind im Namen der westlichen Wertegemeinschaften Kriege entstanden, die neue Kriege provoziert haben und vor Ort wirtschaftliche Missstände verschlimmert haben.

Diese Ängste vor Überfremdung werden mit jedem weiteren Terroranschlag leider genährt. Diese Fernsehwirklichkeiten verfestigen den falschen Eindruck, nur woanders, wo Krieg ist oder wo der Krieg scheinbar herkommt, sind die Menschen nicht in Ordnung. Der Krieg war immer unter uns. Er findet heute nur subtiler statt.

Herzensbildung und Kinderwelten

Wo das Fernsehen ist, kann man als Mensch nicht gleichzeitig sein. Und man ist als Mensch nirgends, wenn man seine Wahrnehmungen nur auf weit entfernte Orte richtet. Kinder gehen einfach raus und möchten etwas erleben. Am Wochenende sprachen mich zwei junge Mädchen vor der Haustür an. Sie hatten eine Spendendose dabei und fragten mich, ob ich etwas für ein neues Skateboard ihres Schulfreunds Kamil spenden könnte. Ich habe mich bei meiner spontanen Antwort erschrocken: „Ich sehe euch aber nicht gleich in der Eisdiele.“

Peinlich berührt über meine üble Antwort setzte ich gleich ein Lächeln auf, gab etwas Geld und sagte ihnen: „Ich finde das toll, dass ihr das für euren Schulfreund macht.“ Kurze Zeit später sah ich Kamil mit den Eltern die Straße entlang laufen. Die Mädchen versteckten sich, weil sie nicht wollten, dass Kamil sie sieht. Sie blickten hinter zwei Tonnen zu mir rüber und zeigten mir den Psst-Finger. Manchmal sollte man wirklich besser den Mund halten als zu sprechen. Im Nachhinein fiel mir auf, dass sie nicht einmal bei ihrer Bitte erwähnten, dass Kamil ein Flüchtlingskind ist.

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