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Hasskommentare, Sekundenmeinungen, Stimmungsdownloads, Unterhaltung und Verbreitung von Unterhaltung. Zu viel Zeit für zu wenig Geist? Zu viel Geist in zu wenig Zeit? Oder ansonsten im Leben einfach zu wenig los?

Ich suche nach einer Formel für das, was gerade im Internet und in den sozialen Medien an Trends erkennbar wird. Oder ist das schon kein Trend mehr? Ist das der Mensch? Sind wir das wirklich? Alles schon geschrieben. Alles schon gedacht. Denken Sie…jetzt… kommt wieder diese bekannte Kritik an der Oberflächlichkeit der Welt? Nein. Wir sind mittendrin im Thema.

Die sozialen Medien und der Sündenbock

Das Leben ist eine Wiederholung. Nur die Medien, die Zeit und die Orte ändern sich. Der Mensch nicht. Wir Menschen brauchen Sündenböcke, wenn wir nicht erklären können, was uns ängstigt.

Das ist irrational, aber so ist es immer gewesen. Die neuen Medien als Sündenbock? Passt irgendwie nicht. Sie haben nur eine Ventilfunktion für den Couch-Potato von heute. Die Stimmungen zum Ende der Weimarer Republik wurden auf der Straße gelebt. Heute finden sie im kuscheligen Heim statt. Manchmal noch an Karneval, aber rausgehen wird für die meisten in der aufgeladenen Stimmung jetzt leider zur Mutprobe. Lieber zuhause einrichten. Mit einem Bildschirm-Meinungs-Rechteck.

Kuscheliges Heim und das bittere Bekenntnis zum Nichts-Tun

Mein kuscheliges Heim, mein Rückzugsort, mein Sofa, meine Welt mit meinen Liebsten. Ein Ort, den sich Millionen Jugendliche laut Jugendforscher und Soziologe Klaus Hurrelmann erträumen. Sie sind flexibel, modern und leistungsbereit, aber sie wünschen sich die Erdung. Merkwürdig, wie konservativ die Jugendlichen doch von heute sind. Und nicht nur die Jugendlichen. Wir alle.

Über Facebook lassen wir im Rahmen unserer Selbstdarstellungsmöglichkeiten verlauten, dass wir uns für eine Veranstaltung gegen die AfD interessieren. Oder wir klicken Artikel mit Gefällt-mir an, die in dem derzeitigen Fremdenhass die Vorboten eines neuen Nationalsozialismus sehen. Das sind bekannte stenographische Bekennerschreiben von Pantoffel-Helden, die Worte mit Taten verwechseln und im Medium selbst schon die große, edle Persönlichkeit meinen darzustellen.

Fremdenhass auf dem Sofa

Aber der wahre Fremdenhass liegt auf dem Sofa und hat das Wohnzimmer vielleicht auch nie oder lange nicht mehr verlassen. Ja, das tut weh, was ich jetzt schreibe. Weil es auch mich betrifft, ich mir fremd geworden bin und ich genau das hasse.

Ich kann mich nämlich noch daran erinnern, dass ich vor mehr als dreißig Jahren mit Freunden auf die Straße gegangen bin, wir uns politisch engagiert haben. Wie wir in großen, realen Foren von Dorf- oder Stadtkneipen mit älteren Generationen diskutiert und gestritten haben. Wie wir Plakate gestaltet haben. Wie wir sozial benachteiligten Menschen wirklich in Projekten geholfen haben.

Das waren Zeiten, als wir alle genauso einsam waren wie heute, aber daraus zweisam und gemeinsam machten, um noch irgendwelche sozialen Räume zu spüren. Diese Kneipen sterben heute aus. Die sozial Benachteiligten gibt es dagegen noch wie unsere Demokratie. Und auch die Ehrenamtlichen, die sich derzeit täglich für die vielen Flüchtlinge abrackern und dabei schier Unglaubliches leisten. Für uns Sofamenschen.

Die Einsamkeit in Nachrichten

Früher war vieles auch schlechter. Es gab eine Generationenarroganz. Mit älteren Menschen zu diskutieren war schwierig, mühsam und frustrierend. Im Dorf eigentlich sogar unmöglich. Ich hätte allerdings niemals gedacht, um wieviel frustrierender es ist, gar nicht mehr mit Menschen zu diskutieren, sonder per Lieferando-Mausklick ein ganzes Meinungsmenu mitzugestalten oder zu bestellen. Meinungslieferung frei Haus.

Keine Technik ist in sich böse. Und kein Fortschritt ist von Dauer. Das Internet war ein Segen. Es bedroht mittlerweile unsere Demokratie. Weil es viele von uns bequem gemacht hat, einsam werden lässt. Es verschließt echte soziale Räume, verhindert als Zeiträuber menschennahe Begegnungen, verfremdet uns Menschen und verkürzt damit auch notwendige gesellschaftliche Diskussionen. Wie wir damit umgehen, bestimmen aber immer noch wir.

Meinungen und Stimmungen werden in anonymer Sicherheit schnell mal dahin gerotzt. Trolle, die von Forenbetreibern bezahlt werden, heizen die Stimmung noch an, um mehr Klicks zu erreichen. Erfundene tote syrische Flüchtlinge in Berlin oder von Flüchtlingen vergewaltigte junge Mädchen gibt es nicht, Belästigungen und sexuelle Übergriffe im Hallenbad hat es gegeben und gibt es. Besser, wir gehen alle wieder mehr raus und öffnen die Augen. Das Leben ist kein Laptop.

 

 

 

 

 

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