header-kolumneneuMan stelle sich vor, ein zurückgezogenes Kind zimmert sich die eigene Bühne, bastelt sich seine eigenen Gitarren und stellt sich vor, große Konzerte mit einer Musik zu geben, die ihm selbst gefällt. Er baut sich ein eigenes Studio auf…No Man’s Land, und man sieht schon, wie dieser Junge Nacht für Nacht am Sound arbeitet. Und Mathe oder Chemie in der Schule?

Neugier wecken und behalten

Wohl uninteressant für den Schüler, der am 3. November 1967 Hemel Hempstead in Hertfordshire geboren wird und in den 70ern mit der Rockmusik seines Vaters aufwächst. Den Musikunterricht gestaltet er bald selbst. Noten lesen lernt er nicht. Später kommen noch andere Instrumente hinzu, dann die ersten eigenen Kompositionen und ein Name – Porcupine Tree – wird geboren.

Steven Wilson heißt das neugierige Kind, das heute noch ihm steckt. Und wer ein Konzert dieses Ausnahmekünstlers besucht, wird süchtig. Ich habe am vergangenen Freitag in Bochum mein zehntes Konzert mit und von Steven Wilson erlebt, und es wird nicht das letzte sein. Hannover wartet schon. Porcupine Tree als Band-Projekt ist nun seit Jahren auf Eis gelegt. Dafür bereist der Ausnahmekünstler solo Jahr für Jahr Orte und Kontinente und nimmt überall seine eigene Welt mit. Und die wird immer besser mit einer großartigen Band, die auf den Dirigenten perfekt hört, ohne die eigene Kreativität und Spielfreude zu verlieren.

Geniestreiche – Was man von Pippi Langstrumpf lernen kann

Bildung und Musik bieten die klassische Grundlage einer bürgerlichen Erziehung. Früher waren es noch die verhinderten Starpianisten, die Generationen von Schülern im strengen Zeittakt auf die Finger klopften und jede eigene Inspiration des Nachwuchses mit der eigenen Unkarriere-Verbitterung erstickten. Ich möchte nicht wissen, wie viele Kinder und Jugendliche dadurch die Lust an Musik verloren haben.

Nichts von dem hat Steven Wilson erlernt, mitgemacht oder versucht. Er machte sich früh die Welt, die ihm gefällt. Die Musik von Steven Wilson erzählt spielerisch Geschichten. Wer mit Musik Geschichten erzählen will, muss letztere in sich tragen. Doch darüber will er nicht sprechen, weil zu jeder großen Kunst Geheimnisse des Künstlers gehören. Das Internet und Facebook mag er nicht, auch wenn er eine eigene Seite hat (http://stevenwilsonhq.com/).

Er liest die Kommentare auch nicht. Was wie Arroganz wirkt, ist nur Selbstschutz für einen Menschen, der sich nicht manipulieren lassen möchte. Zu schnell kommen Aufforderungen oder Fragen wie: „Spiel doch mal wieder das Stück! Oder…Wann spielst du wieder mit Porcupine Tree?“ Er hat etwas von Pippi Langstrumpf, und Pippi Langstrumpf ist auch nie zur Schule gegangen…nur einmal, aber dann war sie schnell wieder raus.

Ideenreichtum und Virtuosität

Ich habe mich stets für die Genies dieser Welt interessiert, für die Einzelgänger und Autodidakten wie Jean-Jacques Rousseau. Wenn man sie in Ruhe lässt, wenn man sie gewähren lässt, kommt Großartiges heraus. Das Ideenreichtum und die Virtuosität stechen bei Wilsons Musik so hervor, dass man nach den Konzerten noch Tage braucht, um wieder in den Alltag zu kommen.

Ich habe schon viele Konzerte anderer Bands besucht, aber das, was Wilson zu Tage bringt, ist einfach einmalig. Er übertrumpft sich jedes Mal selbst, und nach Tagen ertappe ich mich dabei, mir vorzustellen, dass noch mehr solcher Genies in frühen Jahren auf harten Schulbänken sitzen und dort ganz einfach im falschen Film sind. Und vielleicht auch im falschen Film bleiben? Was kann man dagegen machen?

Unruhige Geister und ihr Spieltrieb

Fördern, heißt es immer so schön. Aber wenn unsere Welt immer stärker auf Verkürzung, Verknappung und Geschwindigkeit ausgerichtet ist, nimmt man den Genies von heute ganz einfach die Luft zum Atmen weg. Sie werden zu unruhigen Geistern, weil sie nie einen kreativen Spieltrieb entwickeln können. Sie bleiben dann in ihrer Unausgeglichenheit häufig unverstanden und schwierig.

Zur Bildung gehört nämlich, dass Menschen sich ausprobieren dürfen und müssen, um selbst zu entdecken, wohin die Reise geht oder zumindest gehen könnte. Für Künstler gilt das allemal. Wilson, das sagt er selbst, hat Glück gehabt, weil man ihn gelassen hat. Und wir Zuhörer seiner Musik haben Glück, dass man ihn gelassen hat. Aber was ist mit den anderen, die zu viele Talente in sich scharen und nie die Möglichkeit erhalten, diese zu entfalten? Mich quält diese Frage, denn wenn man annähernd ahnt, was für eine Seele in Genies wohnt, kann man sich vorstellen, welche Qual sie im Unterricht oder auch im Umfeld spüren.

Klick-Bildung

Die wunderbare Welt der Einbildung besteht vor allem darin, als Künstler eine eigene Magie für andere auszustrahlen zu können, sie auf eine Reise mitnehmen zu können. Jede Form von Kunst ist ein Tor zu dieser Bildungswelt. Man muss sie nur öffnen, die Ohren, Augen und Sinne. Das ist leider die Art von Bildung, die in schnelllebigen Zeiten langsam untergeht. Ein Buch über vierhundert Seiten wird schon nicht mehr gelesen. Ein Musikstück über vier Minuten wird auf youtube schnell schon einmal weggeklickt. Klick-Bildung nenne ich das. Das ist keine gute Entwicklung. Das fördert Ungeduld und würgt jede echte Neugier ab. Am Ende sind wir alle wie der Rabe im Käfig, der den Schlussakkord des Konzerts in Bochum setzte (https://www.youtube.com/watch?v=n8sLcvWG1M4).

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