KolumneFast die Hälfte der Studierenden beendet das Studium nicht in der Regelstudienzeit. Keine Neuigkeit. Neu aber ist womöglich, dass sich Studenten an manchen Universitäten dann einer Befragung gegenübersehen, die schnell als Rechtfertigungszwang empfunden wird. Dabei haben junge Menschen heute schon Druck genug, die in kürzerer Studienzeit zusammengefassten Lerninhalte zu verstehen und die Prüfungen zu bestehen. Ich sehe bei jungen Menschen immer früher das Hamsterrad greifen und höre immer mehr Geschichten über Studenten, die nachts nicht mehr schlafen können, weil sie nervlich fertig sind.

Regelstudienzeit, ein irreführender Begriff

Die Bologna-Reformen sind ja erst 1999 beschlossen und zu Beginn des neuen Jahrtausends an Deutschlands Hochschulen eingeführt worden. Wir haben mancherorts gerade einmal den fünften oder sechsten Abschlussjahrgang von Bachelor-Studenten. Der Begriff Regelstudienzeit kann vor diesem Hintergrund gar nicht passen und führt auch in die Irre, weil er Erfahrungswerte vorgaukelt, die es in Wahrheit noch gar nicht gibt. Und dennoch spielt es für Hochschulen eine große Rolle, dass Studenten das Studium möglichst in der Regelstudienzeit beenden.

Kostenkalkulation der Universitäten

Genau genommen rechnen Universitäten nämlich so, dass Studenten, die länger als die Regelstudienzeit studieren, die Hochschulen mehr Geld kosten als sie tatsächlich in der Kopfpauschale für sie vom Land bekommen haben. Sie binden in der Summe mehr Personal, machen in der Summe mehr Angebote notwendig. Dieser Druck, der mit der Hochschulfinanzierung zusammenhängt, wird nun offenbar an einigen Hochschulen in Deutschland an die Studenten weitergegeben. Und das ist meiner Meinung nach eine schlechte Entwicklung, weil sie abgesehen von der brüsken Respektlosigkeit gegenüber jungen Menschen nur die Folgen nicht aber die Ursachen in den Blick nimmt.

Nichts mehr los an der Hochschule

Keine Anwesenheitspflicht, eine schlechte Lehre, eine mangelnde Angebotsvielfalt oder auch eine schlechte Lehrplanorganisation sind nur einige Gründe dafür, warum Studenten die Regelstudienzeit nicht einhalten. Bald kommt durch häufigere Abwesenheit bei vielen Studierenden das Gefühl der fehlenden Vernetzung hinzu. „Die kenne ich nur vom Bild her, die ist auch in der Facebook-Gruppe.“ Ja, wunderbar, denke ich mir bei solchen häufig anzutreffenden Aussagen unter Studenten. Natürlich gibt es auch persönlich, nicht hochschulbedingte Gründe für die Verlängerung des Studiums. Allerdings müssen die Hochschulen aufpassen, dass ihnen da in einer gewissen Eigendynamik nicht langfristig etwas entgleitet.

Betreuung oder Weichspülung

Für mich ist nach wie vor die große Frage, wie man das Herzstück, die Lehre an Universitäten, so gestalten kann, dass die Studenten freiwillig kommen. Eine zweite Frage, deren Beantwortung auch über die Zukunft so mancher Hochschule entscheiden wird, ist, inwiefern geschultes Personal in den einzelnen Fachbereichen dafür sorgen muss, dass Studenten ein echtes Gefühl der Betreuung über die Fachdisziplin hinaus haben.

Diese Frage wird hochschulintern immer wieder strittig diskutiert, weil viele Professoren darin eine übertriebene Fürsorge von jungen Menschen sehen, die man doch zur Selbständigkeit ausbilden will. Das Argument ist an sich richtig, verkennt aber leider die Problematik, dass sich gerade Bachelor-Absolventen im Rahmen des überfrachteten Studiums zeitnah häufig keine Weganschlussmöglichkeiten suchen können, weil die Zeit dafür nicht da ist.

Entweder man überprüft also den Workload von Studiengängen oder man stellt fachintern Personal ein, das für die Studierenden zeitnah netzwerkt und ihnen echte Anschlussmöglichkeiten aufzeigt. Beides zeitgleich zu leisten, ist für Studenten unmöglich. Sie können nicht gleichzeitig netzwerken, Anschlussmöglichkeiten recherchieren und überladenene Curricula in unrealistischen Regelstudienzeiten bewältigen.

Fachinternes Personal würde so gesehen weniger kosten und stellte zudem eine herausragende Serviceorientierung dar. Fächerübegreifende Career-Center an den Hochschulen sind hier häufig zu ineffizient, weil sie in der Breite und nicht in der Tiefe arbeiten. Das aber erfordert die zunehmende berufsvorbereitende Spezialisierung von Studenten an Hochschulen.

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