Bild2Die Nacht schuf tausend Ungeheuer, doch frisch und fröhlich war mein Mut. Das mögen sich mit Goethe viele denken. Mit den jüngeren Bildern aus Clausnitz und Bautzen im Kopf versuchen sie ehrenamtlich und aus tiefer Überzeugung weiter ein anderes menschliches Gesicht im Alltag zu zeigen. Warum aber sind diese hässlichen Bilder lauter, diese hässlichen Gesichter deutlicher zu sehen als die anderen?

Mutlosigkeit und Entschlossenheit

Irgendwann sinkt der Mut dieser „Gutmenschen“, wie sie böse genannt werden, läuft vielleicht wie ein Schiff auf Grund. Willkommenskultur und Abschiedsbegrüßung sind in diesen Tagen so nah beieinander wie der Mensch im modernen Alltag. Kein wirklicher Dialog, nur schrille Aufregung, angefeuert durch Medien, die ihr Programm in Kurzzeit gefüllt bekommen müssen.

Und da gibt es noch diese Mutlosigkeit der Intellektuellen, die keinen Tag verpassen, um in stiller Reserve mit sich über das Phänomen Menschenfeindlichkeit zu fachsimpeln. Hinter vorgehaltener Hand äußern sie sich, sprechen mit sich selbst von Selbstdarstellern, die diese ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer seien. Weil der Gutmensch auch so deutsch sei und gerade in der Diskussion um Flüchtlinge wieder einmal tief aus der historischen Schuld erneuert wird.

Mag sein, dass der eine oder andere unter den Helfern dabei ist, der mit seinen guten Taten für Flüchtlinge jeden Tag hausieren geht und darin sein Selbstwertgefühl steigern möchte. Aber täten das mehr mit Entschlossenheit, wären auch die Bilder und Gesichter der anderen weniger deutlich zu sehen. Die Motive der fremdenfeindlichen Menschen, Busse mit Flüchtlingen anzuhalten und dumpfe Parolen zu skandieren, sind nämlich wesentlich hässlicher. Sie beruhen auf Unwissenheit, Empathielosigkeit, Angst, Unsicherheit, Verlorenheit und sind zu Hass und täglicher Zerstörungswut geworden.

Browserfenster der Wirklichkeiten

Das Thema Flüchtlinge berührt alle in der Welt, uns Deutsche aber in einer besonderen Weise – machen wir uns nichts vor! Wir tragen unsere Geschichte vor uns her, um sie in der Gegenwart immer wieder verabschieden zu wollen. Willkommen und Abschied. Immer poppt sein Geist aus der Flasche wie ein scheinbar neues Browserfenster auf, und wir sehen ihn, den hässlichen Deutschen und möchten ihn ganz schnell wieder verabschieden.

Aber nein, wir sind das nicht mehr, wir sind eigentlich längst weiter gewesen. Es sind die unterschiedlichen Strömungen der Wirklichkeiten, die bösen, guten Schleuser wie im Tatort vergangenen Sonntag, die mit armen Flüchtlingsseelen ihre Geschäfte machen, ihnen aber doch irgendwie helfen. Das ist der Mensch – so ist der Mensch. Ich kenne keine Ausländer. Wir sind doch weiter, oder?

Bildung ohne Zivilisation

Deutsch als Fremdsprache. Das ist Lügenpresse, das ist der auf den Straßen tobende Mob mit Rechtschreibfehlern auf Parolen und Plakaten. Wir erinnern uns an die Diskussion um bildungsferne Zuwanderer aus Ostanatolien? Vielleicht brauchen andere hierzulande erst einmal eine Nachschulung in Geschichte und Deutsch? An manchen verlassenen Orten in Deutschland findet seit Jahrzehnten nämlich Bildung ohne Zivilisation statt, und das macht mich nachdenklich und auch ein wenig wütend.

Es sind dies Menschen, die sich im schnellen Wandel der Zeit im Stich gelassen fühlen, die sich in der eigenen gefühlten Erfolg- und Wertlosigkeit ein letztes Wir-Gefühl gönnen müssen und die Nation als etwas sehen, was sie in Europa und in der Welt schon lange nicht mehr erkennen können. Heimat. Sie werten sich heldenhaft als letzte patriotische Bastionen einer untergehenden Welt auf, organisieren sich in kleinen Käffern und großen Städten, um die Wehr gegen die voranschreitende Überfremdung vorzubereiten. Wo und wie holen wir diese Menschen ab? Welche neue lebenswerte Heimat können wir diesen Zeit- und Bildungsflüchtlingen anbieten? Und schaffen wir das?

Menschenfremde Vororte wie in Paris und Brüssel

Die Integration dieser Menschen ähnlich wie die der nordafrikanischen Kommunen in den Vororten von Paris und Brüssel war und ist schon eine Mammutaufgabe. Aber sie wird seit Jahrzehnten politisch nicht angegangen – weder in Paris, in Berlin noch anderswo. Stattdessen haben sich kontinuierlich kleine Zellen verfestigt, konnte sogar mit der NSU eine kleine mordende Gruppe jahrelang unbemerkt durch Deutschland ziehen, findet ein terroristischer Anschlag nach dem nächsten statt.

Wir diskutieren offenbar an falschen Orten mit den falschen Menschen. In der kleinen und großen Welt. Der Zeigefinger auf die Politik hilft ebenso wenig weiter wie der Zeigefinger auf die noch zählbaren Rechtsextremen, die in unseren Augen offenbar unbelehrbar sind. Sind sie das wirklich? Ich glaube nicht, denn Integration ist wie Bildung ein langer Weg. Wer ihn nicht geht, nicht gehen will, wer die Augen weiter verschließen will, wird bald in einer noch extremeren Welt aufwachen, in der Hass und Zerstörung zur hinnehmbaren Tagesordnung gehören. Ein bisschen Willkommen und ein bisschen Abschied auf allen Seiten würde in dieser aufgeheizten Stimmung und Debatte Wunder bewirken.

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