Stefan R. Manzow ist Kopf des Klärungsraumes. Hauptsache Bildung sprach mit dem Business-Coach und psychologischen Berater über die psychischen Seiten des Phänomens Burnout – und über mehr.

Hauptsache Bildung: Herr Manzow, das Burnout-Syndrom ist laut ICD 10 gar keine Krankheit?

Stefan Manzow: Das stimmt, eine behandlungswürdige Krankheit im eigentlichen Sinne ist es nicht. Zum einen hat es etwas mit der Persönlichkeit eines Menschen zu tun, denn aufgrund einer bestimmten inneren Haltung kommt es zum Burnout – wie auch immer sich dies in Symptomen äußert. Auf der anderen Seite ist es eben auch ein Zeichen unserer Zeit: Beschrieben wurde es zum ersten Mal in den sechziger und siebziger Jahren und war zunächst begrenzt auf heilende und helfende Berufe. Dort kam es häufig zum Phänomen der Depersonalisierung bei Pflegekräften. D.h. die Betroffenen haben andere oder sich selbst als fremd und ohne Mitgefühl wahrgenommen.

Hauptsache Bildung: Sie hatten im Vorfeld erwähnt, das Phänomen Burnout habe etwas mit dem Problem der Abgrenzung zu tun. Was genau versteht man darunter?

Stefan Manzow: Es ist tatsächlich so, dass bestimmte Menschen einige Probleme so sehr verinnerlichen und sich auch emotional so damit beschäftigen, dass diese Menschen nicht Nein sagen können. Es fehlen ihnen selbstreflexive Fragen wie: Wieweit kann ich das von mir trennen? Wie weit lass ich das an mich heran und wie gehe ich mit den Emotionen um, die das in mir auslöst? Sollte ein Abgrenzungsproblem vorliegen, muss eine Bewältigungsstrategie dafür gefunden werden: Gruppensupervision, Einzelsupervision oder eben Psychotherapie.

„Wir müssen uns alle immer weiter optimieren.“

Hauptsache Bildung: Nun ist die spannende Frage ja, inwiefern solche Probleme gesellschaftlich produziert sind bzw. befördert werden.

Stefan Manzow: Richtig. Michel Foucault hat dies im Rahmen seiner Arbeit über Biopolitik bereits 1976 beschrieben. Sein Ergebnis ist, dass es folgende gesellschaftliche Tendenz gab und gibt: Wir müssen uns alle immer weiter optimieren. Wir sind als gleichzeitig als Subjekt und als Unternehmen zu betrachten. Dieser Tenor ist präsenter denn je. Schlagen Sie einmal die Weiterbildungs- und Karriereliteratur auf. Dort finden Sie häufig die Behauptung, dass wir heutzutage gar nicht mehr anders können, als uns selbst als Marke zu verkaufen. Diese Entsolidarisierung führt zu Existenzsorgen und damit zu Stress.

Hauptsache Bildung: Sie hatten gesagt, die Pflegeberufe waren zuerst das Feld, in dem dieses Problem der Lebensbewältigung auftrat. Ein Faktor hierbei war der Stress. Was hat Stress mit Burnout zu tun?

Stefan R. Manzow

Stefan Manzow: Stress im ursprünglichen Sinne ist zunächst einmal eine Alarmsituation. Das bedeutet, es handelt sich um eine normale biologische Funktion, die uns in Gefahrensituationen am Leben erhält. Es wird vermehrt Adrenalin ausgeschüttet und man wird in einen Wachzustand versetzt, in welchem man die anstehende Herausforderung entweder mit Kampf oder mit Flucht begegnet.

Im heutigen Berufsleben sind wir vielfältigen Stressoren ausgesetzt. Wir können diese häufig kognitiv einschätzen und auch bewerten, aber in bestimmten Berufen und Unternehmen wird der Einzelne immer wieder bestimmten Stressoren ausgesetzt: Angst um Verlust des Arbeitsplatzes, Wunsch nach besserer Position mit besserer finanzieller Entlohnung etc. Hierdurch bekommt der Einzelne den Eindruck, man müsse jede Anforderung, die von außen kommt, umgehend erfüllen. In diesem Falle braucht man inneren Raum, also Abstand um den Stress zu bewältigen.

Hauptsache Bildung: Und was hat das mit Burnout zu tun?

Stefan Manzow: Wenn sie die Arbeit unter Stress länger durchmachen, werden sie energielos. Jeder Mensch braucht eine Pause. Etwa bei der Bildschirmarbeit: Es gibt Arbeitszeitverordnungen, dass man pro Stunde am Bildschirm 10 Minuten freie Zeit zur Verfügung haben muss. Es kann vorkommen, dass dadurch ihren Arbeitsplatz riskieren, wenn sie darauf bestehen.

Hauptsache Bildung: Nun ist es ja auch so, dass bestimmte Menschen Führungspositionen bekommen, ohne eine derartige Qualifikationen aufzuweisen. Die Motivation ist häufig ein höheres Einkommen oder ein angesehener Status. Für eine Führungsposition reicht eine solche Motivation allein jedoch nicht aus. Das führt dazu, dass solche überforderten Personen nicht adäquat mit ihren Mitarbeitern umgehen. Wären solche Szenarien auch Symptome von Burnout?

Stefan Manzow: Unter Umständen. Aber überlegen Sie mal: Angenommen, man möchte ein Produkt verkaufen und sich am Markt positionieren. Dazu muss man Kunden gewinnen. Eine effektive Methode für viele Unternehmen ist hierbei der interne Wettbewerb der Mitarbeiter. Was dazu führt, dass es in vielen Unternehmen einen ständigen internen Kampf um Provisionen gibt. Dieser Wettbewerb dreht sich aber irgendwann nicht mehr um die Leistungsmessung und den gesunden -vergleich. Es geht auch häufig um Verdrängungswettbewerb. Das zieht Personal an, welches leistungsorientiert ist und offen zeigt, dass es mehr will als die anderen Mitarbeiter. Und in einem solchen Umfeld kann durchaus eine unangenehme Situation entstehen.

Hauptsache Bildung: Man sagt, Menschen, die unter Burnout leiden, haben häufig ein geringes Selbstwertgefühl. Andererseits führt Leistungssucht auch zu herablassenden Äußerungen gegenüber der Arbeit anderer. Wie passt die Geringschätzung der Leistung anderer mit der Geringschätzung der eigenen Leistung zusammen?

Stefan Manzow: Leistung und Erfolg können unser Selbst füttern. Wir können als Menschen uns selbst dadurch erhöhen, dass wir tolle Leistungen vollbringen. Wenn wir aber kein Bezugsrahmen haben, was ökonomisch ausreichend wäre, und was in diesem Sinne normal ist, dann wissen wir nicht mehr genau, was unsere eigene Leistung wert ist – und auch nicht, was die der anderen wert sind. Andere abzuwerten ist eine leider immer wieder genutzte Strategie um sich selber zu erhöhen. “Management by Intimidation” ist hier ein Stichwort.

„In Bezug auf Leistungen in der Schule ist es mittlerweile ähnlich wie bei den Börsen.“

Hauptsache Bildung: Angehende Lehrer bekommen im Referendariat bereits Seminare zum Thema Burnout angeboten. Ist dieses Problem schon so sehr in unserer Gesellschaft etabliert, d.h. rechnen wir fest damit, dass in unserer Leistungsgesellschaft bestimmte Menschen diesem Druck nicht Stand halten?

Stefan Manzow: Die Frage hierbei ist doch, ob sich so etwas vorhersagen lässt. Ich finde, in Bezug auf Leistungen in der Schule ist es mittlerweile ähnlich wie bei den Börsen. Wir schauen uns abends in den Nachrichten die Rankings unserer Schüler an. Wie stehen wir im Vergleich zu den anderen Ländern, fragen wir uns. Über diese statistische Konstruktion wird meines Erachtens zu wenig diskutiert. Dabei sind diese Zahlen kritisch zu hinterfragen, eben weil unklar ist, wie valide diese Ergebnisse sind. Und dann kommt die Frage, ob der Unterschied, den man im Vergleich zu den anderen Ländern hat, auch ein signifikanter Unterschied ist. In der Darstellung der PISA-Rankings wird das regelmäßig vergessen.

Hauptsache Bildung: Ob valide oder nicht, so entsteht doch ein Leistungsdruck.

Stefan Manzow: Natürlich. Wir sehen an diesen „Studien“ ja, inwieweit wir uns noch verbessern können. Das setzt Schüler, Lehrer und Eltern gleichermaßen unter Druck. Ein anderer Punkt in dem Zusammenhang, den ich aber hier nur nennen möchte, ist das Schulnotensystem. Auch dies hat ja etwas mit Messen von persönlichen Leistungen zu tun. Allerdings sagt die Schulnote nichts über die Intelligenz eines Schüler aus. Eben so wenig wie über die Problemlösefähigkeit dieser Schüler.

Hauptsache Bildung: Ist Leistungsdruck denn schlimm?

Stefan Manzow: Nicht unbedingt. Aber wer heute an Leistungssystemen zweifelt, handelt fast schon ketzerisch. Vermutlich ist die Befürchtung, dass man, etwa in Richtung Schulbildung, den alternativen Prinzipien, also der Waldorfpädagogik, Tür und Tor öffnen würde. Man darf aber nicht vergessen, dass Leistung idealerweise nicht nur unter Druck entsteht, sondern auch Kreativität benötigt. Nun sind Lehrer im Schulalltag mit manchmal dreißig jugendlichen Kindern konfrontiert, die sich von Zuhause oder aus einem anderen Umfeld heraus den Leistungsgedanken bereits so intensiv einverleibt haben. Sie müssen sich das mal vorstellen: diese Kinder bekommen schlechte Laune, wenn sie keine 1 oder 2 nach Hause bringen. Man kann sich in dieser Hinsicht endlos verrückt machen, etwa ob man versetzt wird, eine Ausbildung anfangen kann oder den angestrebten Studienplatz bekommt. In so einem Klima ist es durchaus sinnvoll, wenn die angehenden Lehrkräfte präventiv auf solche Szenarien vorbereitet werden.

Hauptsache Bildung: Inwiefern haben solche Studien, wie die PISA-Studie, etwas mit Angst zu tun?

Stefan Manzow: Ich will indirekt antworten. Es gibt einen Coach, der mich damit beeindruckt hat, dass er sagte – jetzt mit Bezug zu Führungskräften –  zum einen gibt es „Hin-Zu“-Typen. Da sind Menschen, die etwas erreichen wollen und auf ihr Ziel zu steuern. Und es gibt „Weg-Von“-Typen, die Angst haben. Angst vor vielen Dingen: Angst abzurutschen oder vor Konsequenzen. Angst äußert sich in Anspannung und in einem höheren Puls. Angst ist aber auch eine Starre und ein erhöhter Adrenalinausstoß, also Stress.

Schauen Sie sich die gängigen Medien an, es wird immer wieder mit unserer Angst operiert. Angst vor Gesellschaftsgruppen, Terroristen und wirtschaftlichen und ökologischen Katastrophen. Das löst in uns jedes mal Adrenalin aus.

Hauptsache Bildung: Wie geht man richtig mit einer eventuell unbegründeten Angst um?

Stefan Manzow: Zunächst muss man prüfen, worum es bei dieser Angst wirklich geht. Dazu reicht es nicht, wenn man sich ein Buch über Burnout oder Angstzustände schnappt. Dahingehend erscheinen viele Bände. Und es ist auch nicht ratsam, mit dem Buch oder über das Internet einen Selbsttest zu machen, um dann eine Diagnose zu versuchen: „Ja, hier steht es. Ich habe einen Burnout“. Solche Tests sind psychologisch häufig absolut nichtssagend. Richtig ist aber, dass man genauer hinschauen muss.

Hauptsache Bildung: Was genau machen Sie mit jemanden, der zu ihnen kommt und sagt: „Helfen Sie mir, ich vermute, ich habe einen Burnout“?

Stefan Manzow: Zunächst beschreibt die Person mir ja ihr Problemfeld: Gefühlsarmut, Antriebsschwäche, keine Motivation, Stress, Konflikte im Beruf. Die Beschreibung macht aber nur Sinn, wenn man ein Vergleichsfeld benutzt. Das kann in der Gegenwart sein, im Hobby, im Umfeld, in der Familie. Gibt es etwas, wo es gut funktioniert? Oder gab es etwa eine Phase im Berufsleben, wo diese Symptome nicht aufgetreten sind – und warum?

„Leistung ist nicht das Maß aller Dinge – das kann es nicht sein.“

Hauptsache Bildung: Also, man überprüft das anhand der eigenen Biographie?

Stefan Manzow: Richtig. Ich untersuche auch, ob das Problem vorher bestand, man es aber nicht wahrgenommen hat. Ist der Auslöser möglicherweise ein äußeres Ereignis? Wie etwa eine Firmenfusion. Hat man vielleicht Angst um den Arbeitsplatz und hängt sich noch mehr rein? Ein zentrales Problem unserer Leistungsgesellschaft ist, dass Leistung nicht das Maß aller Dinge ist – das kann es nicht sein. Man kann viel leisten und trotzdem keinen Erfolg haben. Und das kann durchaus deprimieren. Gibt es dann noch Geringschätzung von anderen und findet man keine Anerkennung, dann können sich solche Selbstentwertungsproblematiken entwickeln.

Hauptsache Bildung: Was kann passieren, wenn sich Menschen im Unternehmen mit Aufgaben überfrachten, weil sie nicht wissen, was sie für Ressourcen haben, also, was sie wirklich leisten können?

Stefan Manzow: Das stärkt natürlich zunächst ihren gefühlten Selbstwert. Man trifft auf Personen, die sagen ständig: „Geben sie mir das mal“, vielleicht um sich beliebter oder wichtig zu machen. In Wirklichkeit, und das darf nicht vergessen werden, macht man sich „beliebig“. Man muss lernen, auch Nein zu sagen. Beispielsweise sollte man in der Probezeit auch einmal zeigen, dass man konfliktfähig ist. Also nicht nur tun, sondern auch anecken. Dann wird die Person feststellen, ob sie als Mensch in dem Unternehmen richtig aufgehoben ist oder nicht. Familie und Beruf ist ebenfalls ein Prüfstein: Kann ich als Elternteil auch mal flexibel arbeiten oder wird von mir verlangt alles für die Ziele des Unternehmens einzusetzen?

Hauptsache Bildung: Also sollte man sich angewöhnen, öfter mal Nein zu sagen?

Stefan Manzow: Nicht unbedingt. Es geht vielmehr darum, dass man schauen sollte, welche Aufgaben auf dem eigenen Tisch liegen und diese nach Priorität zu ordnen. Das heißt, ordnen, transparent machen, zur Diskussion stellen und der Führungskraft vorstellen. Das ist das entscheidende, denn jeder hat nur zwei Arme und zwei Beine. In der Probezeit sollte man dem Unternehmen auch zeigen wo die eigenen Leistungsgrenzen anfangen.

Hauptsache Bildung: Hat diese Problem der Überfrachtung und Überforderung mit Perfektionismus zu tun? Sind perfektionistische Menschen stärker von Burnout betroffen als andere?

Stefan Manzow: Kann ich nicht sagen. Aber wenn sie panische Angst haben, einen Fehler zu machen, dann werden sie perfektionistisch. Sie geben dann nur 100%ige Arbeiten ab. Das kann dazu führen, dass sie letztlich gar nichts mehr abgeben, weil sie das, was sie haben, völlig falsch einschätzen. Man sollte sich daher immer wieder mit anderen vergleichen: Was machen die anderen? Was passiert, wenn sie einen Fehler machen? Wie wird damit umgegangen? Welches Gefühl entsteht in einem solchen Fall? Ist es Scham oder Frustration? Und ein Satz, den viele nicht gerne hören: Ein gutes Pferd springt nur so hoch wie es muss.

Hauptsache Bildung: Ist Burnout denn ein allgemeines Problem oder kann es nicht auch sein, dass sich das Problem in manchen Fällen wirklich nur auf das berufliche Umfeld konzentriert?

Stefan Manzow: Nein, das habe ich noch nicht gehabt. Die berufliche und private Persönlichkeit sollten idealerweise deckungsgleich, oder ähnlich sein. Das ist das, was ich eine integre bzw. authentische Person nenne. Die Frage ist also: Bin ich das wirklich? Ist das echt? Oder spiele ich eine Rolle? Wenn sie eine berufliche Rolle spielen, färbt das auch auf das Privatleben ab, eben weil es in die Persönlichkeit übergeht. Meiner Ansicht nach können so etwas nur professionelle Schauspieler trennen.

Hauptsache Bildung: Herr Manzow, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Stefan R. Manzow ist der Kopf im Klärungsraum. Vielseitig ausgebildet besitzt Stefan Manzow ein Profil, welches wie geschaffen zur Klärung schwieriger beruflicher Fragen ist. Nach dem Studium der Volkswirtschaftslehre und  Kultur Nordamerikas folgte eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann. Neben dem Beruf absolvierte er zusätzlich ein Studium der Psychologie.

Es folgte eine Stelle am Institut für Sexualforschung und Forensik Eppendorf sowie Fortbildungen im Bereich Mediationsmethode. Hinzu kamen die ambulante Betreuung psychiatrischer Klienten und die Betreuung von Menschen mit körperlichen Einschränkungen. Zudem führte er Orientierungscoachings für junge Männer mit Migrationshintergrund durch – im Rahmen des Projektes „Coaching for you“ in Hamburg St.Pauli.

Bildnachweise:
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@stefangroenveld.de/Stefan Groenveld

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