Fast 30 Jahre ist es her, da machte ich eine Lehre in einem klassischen Metallberuf. Wenn ich nörgelnd von meiner Arbeit nach Hause kam und mich über die Ungerechtigkeit meiner Gesellen beschwerte, dann hörte ich oft den Spruch „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ – was mich jedesmal auf die Palme brachte. 

In den 80er Jahren war es durchaus noch üblich, die Lehrlinge – oder „Stifte“ wie wir armen Kreaturen damals genannt wurden – ab und an zu drangsalieren. Heute würde wahrscheinlich schon der Gebrauch des Wortes „Stift“ mit einem Besuch beim Betriebspsychologen enden…

Nachfolgend ein etwas augenzwinkernder Vergleich zwischen damals und heute:

Der durchschnittliche Arbeitstag begann damals für einen Lehrling meist mit der Aufnahme der Frühstücksbestellung für die Gesellen. Oft wurden etwas skurrile Bestellungen aufgegeben, um den Stresspegel der Lehrlinge gleich am Morgen auf ein etwas höheres Level zu bringen. Nach dem Frühstückholen gingen die Diskussionen über die eventuell falschen Preise des Metzgerladens los und nicht selten legte man am Schluss einfach die Rechnungsdifferenz drauf, nur um seine Ruhe zu haben.

Nachmittags wurden „Stifte“ im ersten Lehrjahr bei etwas flauerer Auftragslage mindestens einmal im Quartal zu völlig unsinnigen Besorgungen losgeschickt. Siemens Lufthaken, Bremsöl oder Kupplungstreiber waren damals sehr beliebt. Die Lagermitarbeiter der Firma, zu der man dafür gehen musste, waren natürlich eingeweiht und drückten dem armen Lehrling einen Sack mit Altmetall oder Backsteinen in die Hand, den er dann unter allgemeinem Gelächter zurück in seine eigene Firma schleppen musste.

Damals: Junggesellen-Humor

Heute: M O B B I N G

Gerade in den ersten beiden Lehrjahren war es nahezu unmöglich, länger als 10min an einer Arbeit dran zu bleiben, denn sogar die Lehrlinge des dritten Lehrjahres und vor allem die Junggesellen waren durchaus berechtigt die „Frischlinge“ für alle möglichen, niederen Arbeiten einzusetzen. Das war im Kfz-Gewerbe meist das Entsorgen von Altöl, das Reinigen von verschmutzten Teilen mit dem Hochdruckreiniger und das Abschmieren von diversen Scharnieren – nicht zu vergessen das Abfüllen von Batteriesäure, denn das gab hässliche Löcher im Arbeitsanzug.

Das führte dazu, dass man nach Feierabend, nachdem man die Werkstatt durchgekehrt und aufgeräumt hatte, völlig desillusioniert am Esstisch saß und in seltenen Momenten sogar betete, dass die Lehrzeit nur baldmöglichst ein Ende finden solle. Durch die Tatsache, dass man am Ende eines Arbeitstages eigentlich von keiner einzigen Arbeit behaupten konnte, man habe sie selbst gemacht, stellte sich sehr schnell ein Gefühl der absoluten Sinnfreiheit ein, das nicht selten in einem Zustand totaler Erschöpfung endete.

Damals: Ein normales Lehrlingsdasein

Heute: B U R N O U T

Wenn man endlich Feierabend hatte oder das lange herbeigesehnte Wochenende vor der Türe stand, hatte man es als Kfz-Mechaniker auch nicht leicht. Denn dann standen schon diverse Freunde, Bekannte und Verwandte in der Warteschlange, die auf die sofortige Behebung von diversen Mängeln an ihren Fahrzeugen bestanden. Obwohl die Freizeit natürlich schon lange für diverse Partys und Tuning-Sessions an den eigenen Fahrzeugen verplant war, konnte man ein bisschen Schwarzgeld natürlich dringend gebrauchen, denn mit 245.- DM im Monat machte man auch in den 80ern keine großen Sprünge.

So war es nicht selten der Fall, dass man nach Feierabend noch bis tief in die Nacht am schrauben war und dass die am Wochenende geplanten Partys oft in der heimischen Werkstatt stattfanden. Am Sonntag morgen, so gegen 6 Uhr, war dann meist endlich Feierabend und nicht selten waren danach 24 Stunden Schlaf angesagt, damit man Montags wieder frisch und munter das Martyrium Kfz-Mechaniker-Lehre beginnen konnte.

Damals: Lehrjahre sind keine Herrenjahre

Heute: Fehlende Work Life Balance

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