Rund zwei Drittel der angehenden Lehrer erleben ihr künftiges Berufsfeld in vielen Fällen als absoluten Härtetest. Doch strukturelle Maßnahmen sind nicht in Sicht. Dafür werden immer häufiger Seminare zum Thema „Burn-Out“ bereits im Referendariat angeboten.

Wer hat nicht als Schulkind über seine Lehrer gewettert? Hatte man nicht den Eindruck, diese Berufsgruppe stünde nur vorne am Pult und stelle Fragen? Und haben nicht die Eltern dieses Vorurteil geschürt, als sie behaupteten, niemand habe so viel Urlaub im Jahr wie die Schullehrer?

Tatsächlich ist die Unterrichtsgestaltung, sofern man eine qualitative Form anstrebt, eine hochkomplexe Aufgabe. Der Stoff muss nicht nur vorgetragen, sondern „vermittelt“ werden. Dabei müssen Lernziele gesetzt werden und es ist darauf zu achten, in welcher Art und Weise man die Schüler an den Stoff führt, damit sie eben nicht nur lernen sondern auch verstehen. Dass dies viel Arbeit ist, wird vielen erst im Referendariat bewusst. Die Vor- und Nachbereitung des eigentlichen Unterrichts frisst Zeit. Soviel Zeit, dass bereits 45 000 angehende Lehrer unter dieser Belastung kurz vor dem Zusammenbruch stehen.

Die Klagen sind häufig unisono: Man betritt ein völlig neues soziales Umfeld und muss zugleich die Schüler kompetent unterrichten sowie erziehen und sich zusätzlich mit den Lehrerkollegen gut stellen. Hinzu kommt ein großer Leistungsdruck: Niemand verlangt von einem Lehrer einen perfekten Unterricht, aber ein Referendar wird hieran gemessen. Er darf keinen Schüler vernachlässigen, soll den Unterricht spannend aber auch didaktisch wertvoll gestalten und zugleich ein guter und kompetenter Kollege werden. Hinzu kommen Nachmittagstermine, wie Klassenkonferenzen und Besprechungen bzgl. der eigenen Ausbildung. Hierbei sind die Kandidaten unter ständiger Begutachtung und Bewertung. Geplagte Referendare können sich im Internet über die Plattform http://www.referendar.de mit anderen Betroffenen austauschen.

Die Aufgabenvielfalt in dieser Ausbildung lässt sich häufig nicht in eine 40-Stunden Woche pressen. Im Durchschnitt hält ein Referendar 16-18 Wochenstunden Unterricht. Für Vor- und Nachbereitung muss mit noch einmal soviel gerechnet werden. Wer dann einmal einen Schüler zur Seite nimmt, um ihn individuell zu fördern (in Form von Einzelbetreuung o.ä.), geht bereits über seine bezahlte Zeit hinaus. Referendare arbeiten also im Rahmen einer 2/3 Stelle, bekommen aber nur die Hälfte der Vergütung einer solchen Stelle. Der Lehrerverband gibt die durchschnittliche Arbeitszeit eines Vollzeit arbeitenden Lehrers mit 42-46 Wochenstunden an. Im Referendariat sind es auch schon einmal wochenlang 60-80 Stunden.

Viele beklagen, dass sich nicht die richtigen Kandidaten für ein Lehramtsstudium bewerben. Prof. Dr. Rauin von der Universität in Frankfurt hat vor einiger Zeit untersucht, welche Bewerbertypen man vorfindet. So wählen viele Studierende ein Lehramtsstudium als Notlösung. Viele wissen nicht, was auf sie zukommen und wiederum andere warten nur auf eine Möglichkeit zum Quereinstieg in einen anderen Beruf. Ob man daraus schlussfolgern darf, dass die Klagen der Referendare keine Berechtigung haben, soll dahin gestellt sein.

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