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Sie entziehen dem Staat die Schüler. Und schwirren wie Überwachungs-Helikopter über ihren Kindern. Vor allem digital haben die staatlichen Schulen wenig zu bieten, so Christian Füller. Wir konnten im Vorfeld des scoyo-Elternabends mit dem Bildungsjournalisten sprechen.

Herr Füller, der Förderwahn scheint ausgebrochen zu sein: Ist es in ihren Augen sinnvoll, wenn Eltern ein Kind, das durchaus gute Noten mit nach Hause bringt, mehr oder weniger sanft mit zusätzlichen Lernangeboten, wie Nachhilfe, konfrontieren?

Nachhilfe ist bei dem Fall, den sie ansprechen meines Erachtens nicht der Punkt: Bei den Eltern der oberen Mittelschicht. Studien und Umfragen zeigen, dass diese Klientel findet, es gebe zu wenig musische Förderung an der Schule, sie vermissen vor allem Instrumente oder auch Tanz oder auch anspruchsvollen Sport. Daher schicken die ihre Kinder in alle möglichen Kurse – und fahren sie dafür auch herum.

Eltern sind verunsichert und die Schulen vergeben Chancen, aufzuklären

Wie sieht es mit Lernsoftware aus?

Dieser Fall ist deutlich interessanter. Warum? Weil es viel über das große Missverständnis von Schule und Eltern aussagt. Die Kids können doch mit ihren Smartphones 1.000x besser umgehen als viele Eltern. 70 Prozent der 11-bis 13jährigen haben so ein Ding in der Hosentasche. Die kennen sich mit allem aus – nur nicht damit, wie man seine Privatsphäre wirksam schützt.

Und welche Risiken heute zum Beispiel Sexting mit sich bringt, das Herumschicken von halbnackten Fotos von sich selbst. Oder was Cybergrooming bedeutet – in Online-Games oder Chats von Avataren angebaggert zu werden, hinter denen sich erwachsene Pädosexuelle und nicht etwa Jugendliche verstecken. Die Eltern sind hier quer durch die Bank verunsichert, und die Schule vergibt eine Riesenchance, verlorenes Vertrauen wieder herzustellen.

Was meinen Sie damit?

Na, wenn Papi und Mami selber nicht mehr Bescheid wissen bei Erziehung und Bildung ihrer Kinder, auf wen haben sie früher gebaut und sich darauf verlassen, dass es klappt? Die Schule und den Staat, der sie betreibt. Auf dem Gebiet des digitalen Lernens aber hat der Staat so gut wie nichts auf der Pfanne: Lehrer haben zu großen Teilen noch Aversionen gegen alles Digitale.

In den Schulen arbeitet man manchmal noch in vorsintflutlichen Computerräumen, und beim Umgang mit Facebook sind viele Lehrer kein gutes Vorbild. Da können Lernplattformen wie scoyo tatsächlich eine Hilfe sein – sie bieten den Eltern Materialien und Lernspiele an. Und sie veranstalten den „Elternabend“ im Netz, bei dem man was kapieren kann und Tipps bekommt – und sogar Fragen stellen kann.

Viele Eltern sind „Helikoptereltern“

Machen sich Eltern grundsätzlich zu viele Sorgen um die Bildungschancen ihrer Kinder?

Am 24.11. um 20 Uhr findet der zweite scoyo Elternabend statt.

Ich persönlich glaube, dass Eltern heute zu nervös sind. Sie benehmen sich ein bisschen wie Helikoptereltern. Dabei kam dieses Phänomen eher aus den USA: die Hockeymoms, die ihre Kinder überall hinkutschieren wie Butler. Aber viele deutsche Eltern sind Hockeymoms mit Smartphones inkl. Lokalisierungsfunktionen und Überwachungsapp. Seitdem schweben sie ständig über den Köpfen ihrer Kinder, um sie zu beaufsichtigen und sie zu fordern. Ich finde das unmöglich. Sie treiben ihre Kinder quasi aus dem Haus

Sollten Eltern darauf vertrauen, dass das derzeitige Schulsystem zwar nicht perfekt ist, im Großen und Ganzen aber funktioniert? Oder ist sind die Ängste und Nöte der Eltern berechtigt?

Die Ängste sind da, egal ob sie real sind oder nicht. Das Vertrauen in Schule ist dahin. Erst haben die Deutschen im Osten das Vertrauen verloren – die Stichworte heißen Margot Honecker, Rote Woche und Absolventenlenkung.

Und im Westen?

Da hat Pisa den Eltern die Zuversicht geraubt, dass die Kultusminister ihre Schulen gut und moderner organisieren könnten. Dazu kommt, dass sich grundlegende Schulprobleme vor Ort immer wieder sehr deutlich abbilden – also Unterrichtsausfall etc. Das kriegen die Eltern voll ab – und sind entnervt, weil sie natürlich das Beste für ihre Kinder wollen, aber oft nicht wissen, was das eigentlich ist.

Besteht für die Mehrzahl der Schulkinder die reelle Gefahr in unserem Schulsystem, die eigenen Fähigkeiten und Talente weder zu entdecken noch auszubauen?

Nein, nicht für die Mehrzahl. Die Staatschule hat sich im Jahr 13 nach Pisa schon auch berappelt. Aber es gibt nach wie vor ein paar Warnzeichen, dass Kinder in der Schule schnell die Freude am Lernen verlieren oder dass der Druck zu groß ist, also zu sehr nach alter Schule unterrichtet wird.

Das Schulsystem ist ganz grundsätzlich zu bürokratisch und zu altbacken – obwohl so viele Reformen stattgefunden haben. Das alles lassen sich Eltern heute nicht mehr so leicht gefallen. Die fordern dann erst von der Schule nachdrückliche Unterstützung ein – notfalls mit Anwälten. Oder sie treten die Flucht nach vorn an und entziehen ihre Kinder einfach der Schule.

Was tun Eltern, wenn sie aus gutem Grund mit dem Schulunterricht ihrer Kinder unzufrieden sind?

Sie fliehen vor der Schule. Erst zeitweise, indem sie Extrakurse und Nachhilfe im Kerngeschäft der Schule organisieren – der Wissensvermittlung. Dann holen sie ihre Kinder ganz raus, indem sie ihren Nachwuchs auf Privatschulen schicken. Wir haben nicht den rasanten Boom an Privatschulen wie immer behauptet wird. Aber bei den Grundschulen und in bestimmten Regionen wie rund um Potsdam oder in Sachsen oder am Starnberger See sind Privatschulen sehr beliebt. Da gehen bald über 20 Prozent der Kinder nicht mehr in die Staatsschule.

Das heißt, es gibt einen Trend zur Privatisierung des Bildungssystems?

Es sieht auf den ersten Blick so aus. Aber wenn wir genau hinschauen, ist der Prozess, in dem wir stecken, komplizierter: Denn wir haben ja auch eine gegenteilige Entwicklung durch die Ganztagsschule. Seit Gerhard Schröder und Edelgard Bulmahn schießen Ganztagsschulen und auch Ganztagskitas wie Pilze aus dem Boden. Das heißt, die Kinder der Deutschen sind immer länger in der Schule und beim Staat und werden immer weniger privat betreut.

Das ist doch das Verrückte: Vormittags sind Eltern wahnsinnig kritisch, wenn ihre Kinder nicht sanft genug unterrichtet werden; aber nachmittags sind Eltern heilfroh, wenn sie bis 16:30 Uhr in der Schule verlässlich betreut werden.

Herr Füller, vielen Dank für das Gespräch.


Christian Füller

Christian Füller ist Autor diverser Bücher über gute Schulen und Bildungsjournalist (FAS, Spiegel Online, Der Freitag). Geschrieben hat er vor allem zum Ansehen der Privatschulen in Deutschland und zur Rolle der Eltern beim Lernverhalten von Kindern.

Zudem bloggt er als Pisaversteher und ist heute Abend, 20 Uhr, zu Gast beim zweiten scoyo-Elternabend.

 

Bildnachweis: © jarmoluk – pixabay.de

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