Young adultsDas Buch „Finde raus was Du drauf hast!“ von Anne Scheller und Clemens Muth, soll Jugendlichen dabei helfen, ihre individuellen Fähigkeiten und Eigenschaften zu entdecken, um die Berufsorientierung zu erleichtern. Bei diesem Arbeitsbuch geht es allerdings nicht darum, zahlreiche Listen anzukreuzen, so dass am Ende kommt der Traumberuf dabei herauskommt. Sondern, sich in der richtigen Weise, nämlich durch Selbstorientierung, mit der Wahl eines Ausbildungsberufes zu befassen.

Die nachfolgende Rezension ist etwas persönlicher geschrieben, denn das Arbeitsbuch wurde parallel von meiner Tochter durchgearbeitet, die sich zurzeit (idealerweise) in der Phase der Berufsorientierung befindet. Diese Erfahrungen musste ich unbedingt mit einbringen, denn das Buch ist nun einmal vorwiegend für Jugendliche gedacht und ich bin dem Jugendalter bereits knapp entwachsen.

Schon wieder ein Berufswahltest, muss das sein?

…genau diesen Spruch bekam ich zu hören, als ich meiner Tochter das Büchlein auf den Schreibtisch legte. „Du erinnerst Dich an den letzten Test? Da kam Kinderdorf-Tagesmutter heraus und das ist nun wirklich das allerletzte, was ich werden möchte.“ Ich versicherte ihr, dass dieses Arbeitsbuch kein Berufswahltest sei und auch einen anderen Aufbau habe als die übliche Literatur in diesem Themenfeld. Also fing Sie an zu lesen. Als ich nach zwei Stunden in ihr Zimmer sah, arbeitete sie immer noch an dem Buch. „Hey, das ist echt nicht schlecht“, sagte sie – und ich war ehrlich erstaunt über diese Reaktion.

Ich muss dazu sagen, dass meine Tochter bis dato noch nicht wusste, wie sie nach der Mittleren Reife weitermachen sollte. Bis vor kurzem war Pferdewirtin der Traumberuf. Als sie jedoch erfuhr, dass sie für einen Ausbildungsplatz in diesem Beruf wahrscheinlich 300km weit von zu Hause wegziehen muss und dann nicht genügend Geld verdient, um sich Auto und Wohnung zu leisten zu können, ließ der Enthusiasmus deutlich nach. Jetzt hat sie allerdings, dank dem Arbeitsbüchlein, wieder eine Perspektive und ist hochmotiviert.

Der Aufbau des Arbeitsbuches

Finde raus U1-Druck

Schon zu Beginn der Lektüre fällt der Spruch ins Auge, der schon über dem Eingang des Orakels von Delphi stand: „Erkenne dich selbst“ (Gnōthi seautón). Genau darum geht es nämlich in diesem Buch. Auf den ersten Seiten wird erklärt, was dieses Buch dem Leser überhaupt bringen soll. Das alles wird in gebotener Kürze sehr gut zusammengefasst. Etwas befremdlich fand meine Tochter allerdings, dass sie aufmalen sollte, wie sie sich selbst sieht. Sie kann nun mal nicht malen und so kam ein Strichmännchen dabei heraus – Psychologen hätten vielleicht ihre Freude daran.

Danach kommt ein kurzes Kapitel darüber, wie das Arbeitsbuch zu benutzen ist. Dem Leser wird dabei der Ratschlag gegeben, einen so genannten „Lebensordner“ auf dem PC oder in einem Heft anzulegen. In diesem Dokument sollen alle Infos, Erkenntnisse und Notizen zusammengefasst werden, die sich aus der Arbeit mit dem Buch ergeben. So kann man auch später noch alles, was man über sich selbst herausgefunden hat, nachlesen. Der eigentliche Inhalt ist in drei Abschnitte unterteilt:

  • A: Das solltest Du wissen
  • B: Dir selbst auf der Spur
  • C: Das kannst Du tun

A: Das solltest Du wissen

Als Einstieg in den ersten Teil wird erklärt, wie man zu dem wurde, der man ist. Es geht dabei um das Hintergrundwissen, dass die Gene, die Familie, die Erziehung und auch die Umwelt eine Rolle bei der Entwicklung der Persönlichkeit spielen. Danach werden die verschiedenen Persönlichkeitseigenschaften erläutert, die für das Arbeitsbuch relevant sind. Meine Tochter fand es besonders gut, dass es hierbei nicht um ein Entweder-Oder geht, sondern darum, wie stark die einzelnen Eigenschaften bei der betreffenden Persönlichkeit ausgeprägt sind – also kein Schubladendenken.

Bevor es dann mit dem praktischen Teil losgeht, sind die verschiedenen Begabungen und Motivationen erklärt, über die man sich bei der Selbstorientierung klar werden sollte. Die Erklärungen sind jedoch keineswegs ermüdend, sondern kurz und knackig geschrieben, so dass keine Langeweile aufkommt.

B: Dir selbst auf der Spur

Nach der kurzen theoretischen Einleitung wird es dann richtig spannend. Im ersten Part geht es darum, Geschichten aus dem eigenen Leben aufzuschreiben um daraus abzuleiten, welche verborgene Talente man in sich trägt. Auf der Suche nach einer passenden Geschichte sollte man sich dann fragen, in welchen Lebenssituationen man besonders erfolgreich oder stolz war, bzw. für welche Leistungen man Lob und Anerkennung von anderen Menschen bekam. Für Menschen, aus denen die Geschichten nicht gerade heraussprudeln, empfiehlt das Autoren-Duo ein Ideen-Tagebuch. In diesem Buch sollen über einen Zeitraum von ein bis zwei Wochen alle Erlebnisse stichpunktartig notiert und mit Schulnoten bewertet werden.

Sind die Lebensgeschichten dann zu Papier gebracht, werden sie nach mehreren Kriterien der Kategorien Persönlichkeitseigenschaften, Begabungen und Motivationen ausgewertet. Im nächsten Kapitel geht es um das Thema Selbst- und Fremdeinschätzung. In diesem Teil werden jeweils circa 25 Fragen zu den drei o.g. Kategorien gestellt, welche die Probanden zuerst ehrlich selbst beantworten sollen. Danach werden die Fragen den Eltern, Geschwistern oder einer guten Freundin/einem guten Freund vorgelegt, um eine Fremdeinschätzung der eigenen Begabungen und Motivationen zu erhalten. Im Falle meiner Tochter war das ein echter Augenöffner!

Für das Kapitel Selbst- und Fremdeinschätzung gibt es am Ende von Teil B eine tolle Auswertung, wo man die Ergebnisse unter anderem in einer Grafik darstellen kann. Das Aufschreiben und die Auswertung der Lebensgeschichten und die Selbst- und Fremdeinschätzung nimmt völlig zu recht den größten Teil des Buches ein, denn hier wird vielen Jugendlichen erst richtig klar werden, welche Begabungen sie eigentlich haben und was sie zu bestimmten Tätigkeiten motiviert.

C: Das kannst Du tun

iStock_000009084212SmallIm letzten Teil des Arbeitsbuches geht es anfänglich um praktische Übungen zu folgenden Grundfertigkeiten, die eigentlich jeder Mensch beherrschen sollte und die auch im Berufsleben wichtig sind:

  • Respekt
  • Höflichkeit
  • Ehrlichkeit
  • Hilfsbereitschaft
  • Lernbereitschaft
  • Zuverlässigkeit
  • Zivilcourage

Danach geht es um Kompetenzen. Die Autoren beschreiben völlig richtig, dass man sich Kompetenzen immer aneignen kann und auch ein Leben lang aneignen sollte. Im Rahmen dieses Kapitels geht es auch um die Entscheidung zwischen Ausbildung und Studium. Dieses Thema wird allerdings nur recht kurz angeschnitten und das ist unserer Meinung nach auch gut so. Die letzten zehn Seiten des Buches fanden meine Tochter und ich nicht ganz so toll wie den Rest. Was allerdings im Hinblick auf den Gesamteindruck und die Brauchbarkeit dieses Arbeitsbuches eher zu vernachlässigen ist.

Hier ging es um verschiedene Laufbahnen und schließlich auch um den „Traumjob“. Bei den Laufbahnen konnte sich meine Tochter in den Auswahlmöglichkeiten: Spezialist, Führungskraft und Projektleiter nicht so recht wiederfinden. Auch der Tipp „Berufe im Alltag finden“, bei dem die Jugendlichen sich eine Woche lang notieren sollen, welchen Berufsgruppen ihnen im Alltag begegnen, war nicht ganz so ergiebig. Am Schluss des Buches gibt es noch einige Webtipps und eine Liste von Branchen mit Beispielberufen. Nützliche Ratschläge zu Praktikum und Ferienjob, sowie ein paar sehr sinnvolle, allgemeine Denkanstöße zur Wahl des Berufes runden das Buch ab.

Fazit

Dieses Arbeitsbuch ist ein rundum gelungenes Werk zur Selbstorientierung vor der Berufswahl. Vielleicht nicht nur für Jugendliche. Es wird nicht der gewohnte Weg – über Kreuzchen machen zum Traumberuf – gegangen, sondern zuerst einmal daran gearbeitet, sich selbst besser einzuschätzen, um Begabungen, Neigungen und Motivationen überhaupt wahrnehmen zu können. Im konkreten Fall meiner Tochter, hat sich das Buch auf alle Fälle gelohnt. Sie weiß jetzt zu 100%, dass sie im Tierschutz arbeiten möchte. Unseren Dank an die Autoren!

Anne Scheller & Clemens Muth: Finde raus, was Du drauf hast!
Schulwerkstatt-Verlag 2011

 

Bild©Schulwerkstatt-Verlag

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