KolumneEin neuer Begriff hat sich an Deutschlands Hochschulen seit mehreren Jahren etabliert. Auf der Internetseite von Arbeiterkind  definiert man ihn für Studenten, die als erste in der Familie einen Hochschulabschluss anstreben. Wo ist das Problem? Müssen dafür Stammtische angeboten werden? Die Antworten lauten: Ja, es könnte ein Problem sein. Und Stammtische zum Erfahrungsaustausch sind folgerichtig gut.

Wenn Netzwerke aus Erziehung und Bildung fehlen

Ich kann mich erinnern, dass ich vor vielen Jahren ein Gespräch mit den Eltern einer Schülerin führte, die ich darauf hinwies, wie begabt ihre Tochter sei. Ich hatte die Eltern extra zu einem Gespräch geladen, stieß aber auf eine Vorstellung, die mir bekannt vorkam. Die Tochter solle ja das Abitur machen, aber dann bitte schön arbeiten, weil es dann ja von der schulischen Ausbildung her auch mal ausreichen müsse. Sie solle wie die Geschwister Geld verdienen und mit einem Studium kein Geld verplempern. Das ganze Studieren bringe doch nichts. Der Vater war ein erfolgreicher Malermeister, die Mutter ging in eine Wäscherei.

Ich hatte mich auf das Gespräch vorbereitet und war doch in dieser Situation perplex. Das unbefriedigende Gespräch verfolgte mich die nächsten Tage. Als ich den nächsten Termin mit der Schülerin hatte, war nicht der neue Stoff ihres Englisch-Leistungskurses Thema unserer Stunde, sondern das Elterngespräch, bei dem sie still dabei gesessen hatte. Ich fragte sie, ob sich ihre Eltern überhaupt für ihre Wünsche interessierten und bekam als Antwort: „Ein bisschen.“ Ich sah ihr an, dass sie darunter litt. Nun habe ich viele Eltern im Laufe des Nachhilfeunterrichts kennengelernt und natürlich kenne ich auch das Drama, wenn allzu ambitionierte Eltern den Alarm einschalten, weil ihr Sohn oder die Tochter in Mathe auf eine Drei abgerutscht ist.

Hier aber lag der Fall ganz anders, und ich bekam im Laufe der Jahre noch mehrere solcher Schüler, die mir das Problem – Arbeiterkind – bewusster gemacht haben. Ich sagte der Schülerin damals, dass, wenn sie wirklich studieren wolle, sie damit rechnen müsse, dass ihre Eltern aufgrund ihrer eigenen Biografie ihr neues Leben dann nie ganz teilen könnten. Auch würden ihr bei vielen Studienrichtungen wie Jura oder BWL wichtige Netzwerke an der Hochschule fehlen. Sie müsse selbst entscheiden, ob sie sich das vorstellen könne.

Arbeiterkinder müssen sich mehr durchboxen als andere

Ich habe in dem Gespräch den Ball an die Schülerin elegant abgegeben. Gut fühlte ich mich dabei nicht. Heute weiß ich, dass sie ihren Studienabschluss in Englisch und Spanisch auf Lehramt mit einem hervorragenden 1.Staatsexamen abgeschlossen hat, gerade das Referendariat bestreitet und sehr glücklich mit ihrer Entscheidung ist. Ich weiß aber auch, dass es anders hätte laufen können. Daher ist es wichtig, wenn viele Hochschulen auf dieses Thema mittlerweile reagiert und eine Beratungsinitiative ergriffen haben.

Häufig sind es nämlich bisher fehlende finanzielle Unterstützung der Betroffenen und vor allem fehlende Wertschätzung seitens der Eltern gewesen, die einen Studienabbruch vorprogrammiert haben. Arbeiterkinder müssen sich in der Regel mehr durchboxen als andere, aber das macht sie in der Hochschullandschaft auch zu echten Persönlichkeiten, wenn sie durchhalten. Eine Stigmatisierung sollte mit dem Begriff jedoch nicht verbunden sein. Nur das Bewusstsein, dass es junge Menschen an den Hochschulen gibt, deren Eltern keinen akademischen Hintergrund haben.

Übrigens: Es gibt noch eine interessante Grafik zu dem Thema: Der Sozialisationsprozess macht aus Arbeiterkindern Arbeiter, aus Mittelschichtkindern Mittelschichtler, via @Black Key  https://twitter.com/Semilocon/status/562162206859866113

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