Studium Generale: Definition im Bildungskontext

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Das Studium generale ist ein fachübergreifendes Lehrangebot einer Hochschule, das sich an Studierende aller Fächer richtet und häufig auch für die Öffentlichkeit offensteht. Es umfasst Vorlesungsreihen, Seminare und Kurse zu Themen außerhalb des eigenen Studienfachs, etwa zu Philosophie, Geschichte, Ethik, Politik oder Naturwissenschaften. Ein Studium generale führt nicht zu einem eigenen Abschluss; in vielen Studiengängen lassen sich einzelne Veranstaltungen aber als Wahlmodule mit Leistungspunkten anrechnen. Der lateinische Ausdruck bedeutet wörtlich „allgemeines Studium“.

Begriff und Abgrenzung

Heute bezeichnet „Studium generale“ fast immer ein Ergänzungsangebot zum Fachstudium. Davon zu unterscheiden sind verwandte Formate:

  • Studium fundamentale: Bezeichnung einiger Hochschulen für ein ähnliches, oft verpflichtendes fachübergreifendes Angebot, bekannt etwa von der Universität Witten/Herdecke.
  • Schlüsselqualifikationen oder überfachliche Kompetenzen: Wahlbereiche in Bachelorstudiengängen, die neben fachfremden Inhalten auch Kurse zu Präsentation, Sprachen oder Projektarbeit umfassen.
  • Orientierungsstudium: ein- oder zweisemestrige Programme vor der endgültigen Fachwahl, die Einblick in mehrere Fächer geben.
  • Gasthörer- und Seniorenstudium: der Besuch von Lehrveranstaltungen ohne reguläre Einschreibung, meist gegen eine Gebühr.

Im englischsprachigen Raum entspricht dem Studium generale am ehesten die „general education“ an US-amerikanischen Colleges, die dort aber fester und umfangreicher Teil des Bachelorstudiums ist.

Geschichte des Begriffs

Mittelalter: Studium generale als Hochschule

Im Mittelalter hatte der Begriff eine andere Bedeutung. Ein „studium generale“ war eine Hochschule, die Studierenden aus allen Regionen offenstand und neben den Artes liberales mindestens eine der höheren Fakultäten Theologie, Recht oder Medizin besaß. Seit dem 13. Jahrhundert wurde dieser Status zunehmend durch Papst oder Kaiser verliehen; damit verbunden war das Recht, Lehrbefugnisse zu vergeben, die überall galten. Der Begriff bezeichnete also die Institution, nicht ein Bildungsangebot. In diesem Sinn geht etwa die spätere Universität von Alcalá de Henares auf ein Studium generale zurück, das der kastilische König Sancho IV. 1293 einrichtete.

Nach 1945: Antwort auf die Spezialisierung

Die heutige Bedeutung entstand in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. 1948 empfahl ein von der britischen Militärregierung eingesetzter Studienausschuss für Hochschulreform in seinem Abschlussbericht, dem sogenannten Blauen Gutachten, die Einrichtung eines Studium generale. Es sollte Studierenden über die fachliche Spezialisierung hinaus Orientierung und ein politisch-staatsbürgerliches Bewusstsein vermitteln. In den 1950er-Jahren führten viele Universitäten entsprechende Modelle ein, etwa Vorlesungsreihen für Hörer aller Fakultäten; manche wurden später wieder aufgegeben.

Ein Modell aus dieser Zeit besteht bis heute: das Leibniz Kolleg der Universität Tübingen, das seit 1948 ein einjähriges Orientierungsstudium anbietet. Die Kollegiatinnen und Kollegiaten wohnen und arbeiten von Anfang Oktober bis Ende Juli im Kolleg und belegen Kurse aus Rechts- und Sozialwissenschaften, Geisteswissenschaften, Naturwissenschaften und künstlerischer Praxis, bevor sie sich für ein Studienfach entscheiden.

Interdisziplinärer Ansatz und Allgemeinbildung
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Formen an heutigen Hochschulen

Wie ein Studium generale aussieht, legt jede Hochschule selbst fest. Verbreitet sind diese Formen:

Form Merkmale Anrechnung
Öffentliche Vorlesungsreihe (Ringvorlesung) wechselnde Referentinnen und Referenten zu einem Rahmenthema, offen für Studierende und Öffentlichkeit teils mit Teilnahmenachweis oder Prüfung als Modul
Seminare und Projektseminare kleinere Gruppen, interdisziplinäre Fragestellungen häufig mit Leistungspunkten im Wahlbereich
Zertifikatsprogramme mehrere Veranstaltungen zu einem Schwerpunkt, zum Beispiel Ethik oder Wissenschaftsgeschichte Zertifikat zusätzlich zum Abschluss
Verpflichtendes Studium fundamentale fester Teil jedes Studiengangs im Curriculum vorgeschrieben
Orientierungsjahr Studium generale vor der Fachwahl, etwa am Leibniz Kolleg kein Abschluss, Studienwahlhilfe

Zwei Beispiele: Das Studium generale der Johannes Gutenberg-Universität Mainz bietet interdisziplinäre Vorlesungsreihen, Seminare, Module und Zertifikate für Studierende aller Fachbereiche, Universitätsangehörige und die Öffentlichkeit an; für einige Fächer gibt es eigens konzipierte Bachelor- und Mastermodule. An der Universität Witten/Herdecke ist das Studium fundamentale in den Curricula aller Studiengänge verankert; die Studierenden wählen aus einem Angebot von über 100 Kursen.

Anrechnung im Studium

Ob und wie viele Leistungspunkte ein Studium generale bringt, regelt die Prüfungsordnung des jeweiligen Studiengangs. Viele Bachelorstudiengänge haben einen Wahl- oder Ergänzungsbereich, in dem fachfremde Veranstaltungen angerechnet werden können. Voraussetzung ist meist eine Prüfungsleistung wie ein Referat, eine Hausarbeit oder eine Klausur; reine Teilnahme genügt selten. Die Grundsätze dazu erläutert der Glossarbeitrag zur Anrechnungsfähigkeit. Weil Vorlesungsreihen oft nur in einem Semester stattfinden, ist die Planung über das akademische Jahr hinweg wichtig.

In eng getakteten Studienformen wie dem dualen Studium bleibt für ein Studium generale wenig Raum, weil Theorie- und Praxisphasen fest geplant sind. An Universitäten mit großem Wahlbereich ist der Spielraum größer.

Zielgruppen

Das Studium generale richtet sich in erster Linie an eingeschriebene Studierende. Viele Hochschulen öffnen die Vorlesungsreihen aber für alle Interessierten, auch für ehemalige Studierende, die als Alumni mit ihrer Hochschule verbunden bleiben. Orientierungsangebote wie das Leibniz Kolleg wenden sich an junge Menschen nach dem Schulabschluss, also an Absolventinnen und Absolventen der Abschlussklasse, die vor der Studienwahl verschiedene Fächer kennenlernen wollen.

Bedeutung im Bildungskontext

Das Studium generale steht für die Idee, dass ein Hochschulstudium mehr vermitteln soll als Fachwissen: Kenntnis anderer Disziplinen, Nachdenken über Methoden und Grenzen der eigenen Wissenschaft und die Fähigkeit, gesellschaftliche Fragen zu beurteilen. Mit der Bologna-Reform und den dichter geregelten Bachelorstudiengängen ist es in vielen Fächern schwieriger geworden, solche Angebote unterzubringen. Hochschulen reagieren darauf, indem sie fachübergreifende Veranstaltungen als Module mit Leistungspunkten gestalten, die in den Wahlbereich passen.

Häufig gestellte Fragen

Was ist ein Studium generale?

Ein fachübergreifendes Lehrangebot einer Hochschule für Studierende aller Fächer, oft auch für die Öffentlichkeit. Es führt nicht zu einem Abschluss, einzelne Veranstaltungen können aber im Wahlbereich eines Studiengangs angerechnet werden.

Bekommt man für das Studium generale Leistungspunkte?

Das hängt von der Prüfungsordnung ab. Viele Bachelorstudiengänge erlauben die Anrechnung im Wahl- oder Ergänzungsbereich, wenn eine Prüfungsleistung erbracht wird; manche Hochschulen vergeben zusätzlich Zertifikate.

Was bedeutete Studium generale im Mittelalter?

Im Mittelalter bezeichnete der Begriff eine Hochschule, die Studierenden aus allen Regionen offenstand und mindestens eine höhere Fakultät besaß. Er war damit ein Vorläufer des heutigen Begriffs Universität, nicht ein Zusatzangebot.

Was ist der Unterschied zum Studium fundamentale?

Beide sind fachübergreifend. „Studium fundamentale“ ist die Bezeichnung einzelner Hochschulen, etwa der Universität Witten/Herdecke, wo das Angebot in den Curricula aller Studiengänge verankert ist; ein Studium generale ist dagegen häufig freiwillig.