Begabtenförderung: Definition im Bildungskontext

Beitragsbild: mit KI erstellt (Symbolbild)

Begabtenförderung bezeichnet Maßnahmen, die Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit besonders hohen Fähigkeiten oder Leistungen gezielt unterstützen. Dazu gehören schulische Angebote wie das Überspringen einer Klasse, Zusatzkurse oder Wettbewerbe ebenso wie Stipendien für Studium, Promotion und berufliche Weiterbildung. In Deutschland ist die schulische Förderung Sache der Länder; Bund und Länder arbeiten seit 2018 in der Initiative „Leistung macht Schule“ zusammen, und der Bund finanziert 13 Begabtenförderungswerke für Studierende und Promovierende.

Definition

Kurzdefinition

Begabtenförderung ist die gezielte pädagogische, organisatorische oder finanzielle Unterstützung von Personen, deren Fähigkeiten oder Leistungen deutlich über dem Durchschnitt ihrer Altersgruppe liegen. Ziel ist, dass diese Personen ihre Fähigkeiten in Leistung umsetzen können, statt im regulären Angebot unterfordert zu bleiben.

Begabtenförderung und Begabungsförderung

Die beiden Begriffe werden oft gleich verwendet, meinen aber Verschiedenes. Begabungsförderung richtet sich an alle Lernenden und will die jeweiligen Stärken jedes Kindes entwickeln. Begabtenförderung richtet sich an eine ausgewählte Gruppe, die als besonders begabt oder leistungsfähig erkannt wurde. Die Kultusministerkonferenz spricht in ihrer „Förderstrategie für leistungsstarke und potenziell besonders leistungsfähige Schülerinnen und Schüler“ vom 11. Juni 2015 bewusst auch von „potenziell“ leistungsfähigen Lernenden, weil hohe Begabung nicht immer in guten Noten sichtbar wird.

Was als Hochbegabung gilt

In der psychologischen Forschung wird intellektuelle Hochbegabung meist über einen Intelligenzquotienten von 130 oder mehr bestimmt, also mindestens zwei Standardabweichungen über dem Mittelwert. Das ist eine Festlegung der Testkonstruktion, keine natürliche Grenze. Moderne Begabungsmodelle betonen zudem, dass sich Begabung nur im Zusammenspiel mit Motivation, Lernumgebung und Förderung in Leistung zeigt. Viele Förderprogramme wählen deshalb nicht nach Testwerten, sondern nach Leistungen, Interessen und Empfehlungen aus.

Formen der Förderung in der Schule

In Fachliteratur und Länderkonzepten werden zwei Grundformen unterschieden, die sich kombinieren lassen.

Form Prinzip Beispiele
Akzeleration Schnellerer Durchlauf durch den regulären Stoff Vorzeitige Einschulung, Überspringen einer Klasse, Teilnahme am Unterricht höherer Jahrgänge, Frühstudium
Enrichment Anreicherung mit zusätzlichen oder vertiefenden Inhalten Arbeitsgemeinschaften, Drehtürmodell, Projekte, Schülerakademien, Wettbewerbe
Gruppierung Gemeinsames Lernen besonders leistungsfähiger Schülerinnen und Schüler Begabtenklassen an einzelnen Gymnasien, Pull-out-Kurse, Internate mit Förderschwerpunkt

Beim Drehtürmodell verlassen Schülerinnen und Schüler für einige Stunden pro Woche den regulären Unterricht, um an einem eigenen Projekt zu arbeiten; den versäumten Stoff holen sie selbstständig nach. Beim Frühstudium besuchen Oberstufenschülerinnen und -schüler Lehrveranstaltungen einer Universität, oft über ein ganzes akademisches Jahr, und können Prüfungen ablegen, die später im Studium angerechnet werden.

Die Initiative „Leistung macht Schule“

Um die Förderstrategie der KMK umzusetzen, haben Bund und alle 16 Länder die Initiative „Leistung macht Schule“ (LemaS) gestartet. Sie ist auf zehn Jahre angelegt und mit 125 Millionen Euro ausgestattet. In der ersten Phase von 2018 bis 2023 entwickelten 300 Schulen gemeinsam mit einem Forschungsverbund in 22 Teilprojekten Konzepte für Diagnostik und Unterricht. In der zweiten Phase bis 2027 sollen die Ergebnisse an bis zu 1.300 weitere Schulen weitergegeben werden. Die Gesamtkoordination liegt an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe; beteiligt ist unter anderem der Lehrstuhl für Pädagogische Psychologie der Universität Erlangen-Nürnberg.

Wettbewerbe

Schülerwettbewerbe sind die verbreitetste Form der außerschulischen Begabtenförderung. Bekannte Beispiele sind „Jugend forscht“ für Naturwissenschaften, Mathematik und Technik, die Mathematik-Olympiade, der Bundeswettbewerb Mathematik und der Bundeswettbewerb Fremdsprachen. Mehrere bundesweite Wettbewerbe und die Deutsche SchülerAkademie werden von der gemeinnützigen Bildung & Begabung gGmbH getragen, die von Bund und Ländern gefördert wird. Erfolgreiche Teilnahmen können im Zeugnis vermerkt und von Begabtenförderungswerken bei der Auswahl berücksichtigt werden.

Schülerinnen Schüler Förderung
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Begabtenförderung in der beruflichen Bildung

Auch nach einer Berufsausbildung gibt es staatliche Programme, die von der Stiftung Begabtenförderung berufliche Bildung (SBB) im Auftrag des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) durchgeführt werden:

  • Weiterbildungsstipendium: für junge Berufstätige unter 25 Jahren, die ihre Abschlussprüfung in der Regel mit der Note 1,9 oder besser bestanden haben. Gefördert werden fachliche und fachübergreifende Weiterbildungen sowie berufsbegleitende Studiengänge über drei Jahre, nach einem Merkblatt der Steuerberaterkammer Stuttgart (Stand November 2025) mit bis zu 3.045 Euro pro Jahr und insgesamt höchstens 9.135 Euro. Die Bewerbung läuft über die Kammer, bei der der Ausbildungsvertrag eingetragen war.
  • Aufstiegsstipendium: für beruflich Qualifizierte mit Berufserfahrung, die ein erstes Hochschulstudium aufnehmen.

Die Leistungen in Betrieb und Berufsschule fließen über das Ergebnis der Abschlussprüfung in die Auswahl ein. Beträge und Bedingungen können sich ändern; maßgeblich sind die aktuellen Angaben der SBB und der zuständigen Kammer.

Begabtenförderung im Studium

Die 13 Begabtenförderungswerke

Das BMFTR fördert 13 Begabtenförderungswerke, die Stipendien an Studierende und Promovierende vergeben. Sie unterscheiden sich in ihrer weltanschaulichen, politischen oder gesellschaftlichen Ausrichtung:

  • Studienstiftung des deutschen Volkes (weltanschaulich unabhängig, gegründet 1925)
  • Politische Stiftungen: Konrad-Adenauer-Stiftung, Friedrich-Ebert-Stiftung, Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, Hanns-Seidel-Stiftung, Heinrich-Böll-Stiftung, Rosa-Luxemburg-Stiftung
  • Religiöse Werke: Cusanuswerk (katholisch), Evangelisches Studienwerk Villigst, Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk (jüdisch), Avicenna-Studienwerk (muslimisch)
  • Stiftung der Deutschen Wirtschaft und Hans-Böckler-Stiftung (gewerkschaftsnah)

Die Stipendien bestehen aus einem einkommensabhängigen Grundstipendium, das sich an den BAföG-Regeln orientiert, und einer Studienkostenpauschale, die unabhängig vom Einkommen der Eltern gezahlt wird; die Heinrich-Böll-Stiftung gibt sie mit 300 Euro im Monat an (Stand 2025). Promovierende erhalten ein Grundstipendium und eine Forschungskostenpauschale. Neben dem Geld bieten die Werke ideelle Förderung: Seminare, Sommerakademien, Mentoring und Netzwerke der Alumni. Ausgewählt wird nach Leistung, gesellschaftlichem Engagement und Persönlichkeit, bei der Studienstiftung auch auf Vorschlag von Schulen oder Hochschullehrenden.

Deutschlandstipendium

Seit 2011 gibt es das Deutschlandstipendium. Es beträgt 300 Euro im Monat, die zur Hälfte von privaten Förderern wie Unternehmen, Stiftungen oder Privatpersonen und zur Hälfte vom Bund getragen werden. Vergeben wird es von den Hochschulen selbst, unabhängig vom Einkommen und ohne Anrechnung auf das BAföG. Nach Angaben des BMFTR erhielten 2025 rund 33.500 Studierende ein Deutschlandstipendium.

Kritik und offene Fragen

An der Begabtenförderung werden vor allem zwei Punkte diskutiert. Erstens die soziale Zusammensetzung: Kinder aus Akademikerfamilien werden häufiger als begabt erkannt und für Programme vorgeschlagen, was bestehende Bildungsunterschiede verstärken kann. Die Hans-Böckler-Stiftung etwa richtet ihre Förderung ausdrücklich auch an Studierende aus Familien ohne Hochschulerfahrung. Zweitens die Diagnostik: Begabungen bei Kindern mit Lernschwierigkeiten, Verhaltensauffälligkeiten oder geringen Deutschkenntnissen bleiben leichter unentdeckt. Der Ansatz der KMK, auch „potenziell“ leistungsfähige Kinder einzubeziehen, und die Arbeit von LemaS an Diagnoseinstrumenten für den Unterricht setzen an diesem Punkt an.

Für Absolventen von Förderprogrammen stellt sich zudem die Frage nach der Wirkung. Ob einzelne Maßnahmen langfristig zu besseren Bildungsverläufen führen, ist für Deutschland nur für einzelne Programme untersucht; eine pauschale Aussage über „die“ Begabtenförderung lässt sich daraus nicht ableiten.

Häufig gestellte Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Begabtenförderung und Begabungsförderung?

Begabungsförderung richtet sich an alle Lernenden und ihre individuellen Stärken. Begabtenförderung zielt auf eine ausgewählte Gruppe besonders begabter oder leistungsfähiger Personen.

Welche Begabtenförderungswerke gibt es?

Das BMFTR fördert 13 Werke, darunter die Studienstiftung des deutschen Volkes, sechs parteinahe Stiftungen, vier religiös gebundene Studienwerke, die Stiftung der Deutschen Wirtschaft und die Hans-Böckler-Stiftung.

Wie hoch ist das Deutschlandstipendium?

300 Euro im Monat, je zur Hälfte von privaten Förderern und vom Bund. Es wird unabhängig vom Einkommen vergeben und nicht auf das BAföG angerechnet.

Gibt es Begabtenförderung nach einer Ausbildung?

Ja. Das Weiterbildungsstipendium fördert junge Berufstätige unter 25 Jahren mit sehr gutem Ausbildungsabschluss, das Aufstiegsstipendium beruflich Qualifizierte, die ein Studium beginnen. Beide Programme koordiniert die Stiftung Begabtenförderung berufliche Bildung.

Was bedeutet Akzeleration?

Akzeleration ist eine Form der Begabtenförderung, bei der Lernende den regulären Stoff schneller durchlaufen, etwa durch Überspringen einer Klasse oder ein Frühstudium an einer Hochschule.