Inhaltsverzeichnis
Beitragsbild: mit KI erstellt (Symbolbild)
Bildungswissenschaften ist ein Sammelbegriff für die wissenschaftlichen Disziplinen, die Bildung, Erziehung, Lehren und Lernen untersuchen. Den Kern bildet die Erziehungswissenschaft; hinzu kommen pädagogische Psychologie, Bildungssoziologie und weitere Fächer, die Bildungsprozesse und Bildungssysteme mit eigenen Methoden analysieren. Der Begriff hat zwei gebräuchliche Bedeutungen: Im Lehramtsstudium bezeichnet er den fächerübergreifenden Studienanteil neben Fachwissenschaft und Fachdidaktik, an vielen Hochschulen außerdem einen eigenständigen Bachelor- oder Masterstudiengang, der dann oft im Singular „Bildungswissenschaft“ heißt.
Begriff: Pädagogik, Erziehungswissenschaft, Bildungswissenschaften
Die drei Bezeichnungen überschneiden sich stark und stehen für unterschiedliche Phasen der Fachgeschichte. Pädagogik ist der älteste Name. Als eigenes Universitätsfach gilt sie seit 1779, als Ernst Christian Trapp in Halle den ersten Lehrstuhl für Pädagogik übernahm. Mit der Hinwendung zu empirischen Methoden in den 1960er-Jahren setzte sich an den Universitäten die Bezeichnung Erziehungswissenschaft durch, die bis heute Name vieler Institute und Studiengänge ist.
Der Plural Bildungswissenschaften betont, dass mehrere Fächer am Gegenstand Bildung arbeiten. Er hat sich besonders in der Lehrkräftebildung und in der empirischen Bildungsforschung etabliert. Wer sich für ein Studium interessiert, findet deshalb unter allen drei Namen inhaltlich ähnliche Angebote; entscheidend sind Modulhandbuch und Schwerpunkte der jeweiligen Hochschule.
Teildisziplinen und ihre Fragestellungen
Die folgende Übersicht zeigt die Bereiche, die in Studiengängen und Forschung am häufigsten vertreten sind. Nicht jede Hochschule bietet alle als Schwerpunkt an.
| Teildisziplin | Gegenstand | Beispiel für eine Fragestellung |
|---|---|---|
| Allgemeine Erziehungswissenschaft | Grundbegriffe, Theorien und Geschichte von Bildung und Erziehung | Was unterscheidet Bildung von Ausbildung? |
| Schulpädagogik | Unterricht, Schulorganisation, Schulentwicklung | Wie wirkt sich Ganztagsunterricht auf den Schulalltag aus? |
| Sozialpädagogik | Erziehung und Bildung außerhalb der Schule, Jugendhilfe | Wie erreichen Jugendzentren Jugendliche ohne Schulabschluss? |
| Erwachsenenbildung/Weiterbildung | Lernen nach der ersten Bildungsphase | Wer nimmt an Weiterbildung teil und wer nicht? |
| Berufs- und Wirtschaftspädagogik | Berufsausbildung, betriebliches Lernen, berufliche Schulen | Wie gut sind Lernorte Betrieb und Berufsschule abgestimmt? |
| Pädagogische Psychologie | Lernen, Motivation, Leistungsdiagnostik | Wie beeinflusst Rückmeldung die Lernmotivation? |
| Bildungssoziologie | Bildung und soziale Herkunft, Bildungsungleichheit | Wie hängen Elternbildung und Übergang aufs Gymnasium zusammen? |
| Empirische Bildungsforschung | Messung von Kompetenzen und Bildungsverläufen | Wie entwickeln sich Lesekompetenzen über mehrere Jahrgänge? |
Bildungswissenschaften im Lehramtsstudium
Im Lehramtsstudium sind die Bildungswissenschaften der Teil, den alle angehenden Lehrkräfte unabhängig von ihren Unterrichtsfächern belegen. Was dort vermittelt werden soll, legen die Länder gemeinsam in den Standards für die Lehrerbildung: Bildungswissenschaften fest, die die Kultusministerkonferenz am 16. Dezember 2004 beschlossen hat und die seit dem Ausbildungsjahr 2005/2006 umgesetzt werden.
Die Standards beschreiben elf Kompetenzen in vier Bereichen: Unterrichten, Erziehen, Beurteilen und Innovieren. Zum Beurteilen gehört zum Beispiel, Lernvoraussetzungen zu diagnostizieren und Leistungen transparent zu bewerten; zum Innovieren, den eigenen Unterricht weiterzuentwickeln und an Schulentwicklung mitzuwirken. Überarbeitet wurden die Standards 2014 mit Blick auf inklusiven Unterricht, 2019 mit Blick auf Bildung in der digitalen Welt und 2022 um Kompetenzen zur Prävention von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit wie Antisemitismus. Eine weitere Fortschreibung hat die KMK beschlossen; für die Bildungswissenschaften läuft dazu zunächst ein Pilotverfahren (Stand: Oktober 2026).
Wer ein Lehramt für berufliche Schulen anstrebt, studiert die Bildungswissenschaften meist mit Schwerpunkt Berufs- und Wirtschaftspädagogik, weil der Unterricht an der Berufsschule eng mit der Ausbildung im Betrieb verzahnt ist. Das Lehramtsstudium endet je nach Land mit dem Master of Education oder der ersten Staatsprüfung; danach folgt der Vorbereitungsdienst (Referendariat).

Bildungswissenschaft als eigener Studiengang
Bachelorstudiengänge in Bildungs- oder Erziehungswissenschaft umfassen in der Regel sechs Semester und 180 ECTS-Punkte. Ein Beispiel ist der Bachelor Bildungswissenschaft der FernUniversität in Hagen, der als Fernstudium in Voll- oder Teilzeit belegt werden kann und zum Sommer- oder Wintersemester beginnt. Wie das Studienjahr gegliedert ist, beschreibt der Glossarbeitrag zum akademischen Jahr.
Typische Bausteine eines Bachelorstudiums sind:
- Grundlagen: Bildungs- und Erziehungstheorien, Geschichte der Pädagogik, Bildungssystem in Deutschland.
- Forschungsmethoden: quantitative Verfahren mit Statistik und qualitative Verfahren wie Interviews und Beobachtung. Dieser Teil wird von Studieninteressierten oft unterschätzt.
- Handlungsfelder: Erwachsenenbildung, Mediendidaktik, Beratung, Bildungsmanagement oder Sozialpädagogik, je nach Profil der Hochschule.
- Praktikum und Abschlussarbeit: ein Praxismodul in einer Bildungseinrichtung und die Bachelorarbeit als Abschlussprüfung.
Berufstätige, die bereits eine pädagogische Ausbildung haben, etwa als Erzieherin oder Erzieher, können bei manchen Hochschulen Teile davon auf das Studium anrechnen lassen. Die Regeln dazu erläutert der Beitrag zur Anrechnungsfähigkeit.
Forschung: woher die Daten über Bildung kommen
Ein großer Teil der öffentlichen Debatte über Schulen und Bildungschancen stützt sich auf bildungswissenschaftliche Erhebungen. Die OECD-Studie PISA misst seit 2000 im Abstand von meist drei Jahren Kompetenzen von 15-Jährigen. Das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) prüft im IQB-Bildungstrend, ob Schülerinnen und Schüler die Bildungsstandards der Länder erreichen. Das Nationale Bildungspanel (NEPS) am Leibniz-Institut für Bildungsverläufe in Bamberg begleitet Personen über viele Jahre, um Bildungswege von der Kita bis ins Erwachsenenalter nachzuzeichnen.
Einen Überblick über das gesamte Bildungswesen gibt der nationale Bildungsbericht „Bildung in Deutschland“, den eine unabhängige Autorengruppe im Auftrag von Bund und Ländern seit 2006 alle zwei Jahre vorlegt. Er fasst Daten von der frühkindlichen Bildung bis zur Weiterbildung zusammen und ist ein typisches Beispiel dafür, wie Ergebnisse der Bildungswissenschaften in Bildungspolitik und Verwaltung genutzt werden.
Berufsfelder nach dem Studium
Absolventinnen und Absolventen bildungswissenschaftlicher Studiengänge arbeiten in sehr unterschiedlichen Bereichen. Häufig genannt werden Erwachsenen- und Weiterbildung, Personalentwicklung in Unternehmen, Bildungs- und Studienberatung, Bildungsmanagement bei Trägern und Verbänden, Medienpädagogik sowie Forschung und Lehre an Hochschulen. Ein fester Berufsweg wie bei Medizin oder Lehramt ergibt sich aus dem Abschluss nicht; Praktika und der gewählte Schwerpunkt prägen die Einstiegsmöglichkeiten stark.
Für einige Tätigkeiten reicht ein allgemeiner Abschluss in Bildungswissenschaft nicht aus. Lehrkraft an einer staatlichen Schule wird in der Regel nur, wer ein Lehramtsstudium und den Vorbereitungsdienst abgeschlossen hat. Die staatliche Anerkennung als Sozialarbeiterin oder Sozialpädagoge setzt meist ein Studium der Sozialen Arbeit voraus, und psychotherapeutisch tätig sein dürfen nur Personen mit entsprechender Approbation.
Häufig gestellte Fragen
Ist Bildungswissenschaft dasselbe wie Erziehungswissenschaft?
Weitgehend ja. Beide Bezeichnungen werden für Studiengänge mit ähnlichen Inhalten verwendet. Der Plural Bildungswissenschaften betont stärker, dass neben der Erziehungswissenschaft auch Psychologie und Soziologie beteiligt sind, und ist vor allem in der Lehrkräftebildung üblich.
Was sind Bildungswissenschaften im Lehramtsstudium?
Das ist der fächerübergreifende Studienanteil, den alle Lehramtsstudierenden belegen. Inhalte sind nach den KMK-Standards die Kompetenzbereiche Unterrichten, Erziehen, Beurteilen und Innovieren, also etwa Unterrichtsplanung, Umgang mit Konflikten, Leistungsbewertung und Schulentwicklung.
Kann man mit einem Bachelor in Bildungswissenschaft Lehrer werden?
In der Regel nicht direkt. Für den Schuldienst ist ein Lehramtsstudium mit zwei Unterrichtsfächern und anschließendem Vorbereitungsdienst vorgesehen. Einige Länder bieten für Quer- oder Seiteneinsteiger eigene Wege an, die aber meist ein Studium in einem Schulfach voraussetzen.
Wie viel Statistik gehört zum Studium?
Forschungsmethoden sind fester Bestandteil fast aller Studiengänge. Dazu zählen Grundlagen der Statistik und quantitativen Auswertung sowie qualitative Verfahren. Der Umfang unterscheidet sich je nach Hochschule und lässt sich im Modulhandbuch nachlesen.





