Bild2Wofür brauche ich das später? Jeder kennt diese Frage und kann sie gleich einem Kontext zuordnen, nicht wahr? Da helfen auch keine Sprüche wie: „Der Weg ist das Ziel.“ Oder: „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.“ Die Frage der Schüler, Auszubildenden und Studenten wird umgekehrt nie hinterfragt, nur von altweisen Lehrern, Meistern und Dozenten stirnrunzelnd zur Kenntnis genommen.

Wie wär’s mit folgender Gegenfrage: „Ja, weißt du jetzt schon, was du später machen willst?“ In den meisten Fällen wird man dann ein Schweigen ernten. Und dann setzt man weiter nach: „Wenn du nicht weißt, was du später machen willst, dann bleib doch neugierig!“

Muss ich das Liebesleben von Mücken kennen?

Nein, nicht unbedingt, es schadet einem aber auch nicht. Allgemeinbildung ist das ohnehin nicht. Zur Allgemeinbildung gehören aktuelle Themen aus Politik, Gesellschaft und Kultur. Geschichtskenntnisse sind auch von Vorteil, weil sie die Orientierung junger Menschen schulen, kritisch mit Quellen umzugehen. Im Sensationsjournalismus von heute, bei dem online Eilmeldung zu Eilmeldung eilt, bekommt man einen unaufgeregteren Blick auf das Wesentliche einer Nachricht. Genau das wird im Umgang mit Sachtexten im Deutschunterricht geübt, ebenso der Umgang mit literarischen Texten.

Selbst wenn man später kein einziges Gedicht mehr von Georg Trakl im Berufsleben verwerten kann (die Frage wäre ohnehin – ist das der Sinn einer Gedichtanalyse?), so bleibt das Lesen zwischen den Zeilen und die Ausbildung der Textinterpretation unerlässlich, weil es die kritische Reflektion und das Schreiben eigener Gedanken schult. Wer sich sprachlich nicht auszudrücken lernt, wird später in einem selbstbestimmteren Leben zwangsläufig Probleme bekommen. Da mag die abgekürzte Jugendsprache dem einen oder der anderen noch im Zeitabschnitt des Erwachsenwerdens helfen – langfristig reicht das nicht. Die Mathematik hat es da sicherlich einfacher und braucht sich nicht die Ausgangsfrage stellen lassen, weil wir im Gegensatz zu Gedichten jeden Tag Zahlen im Alltag sehen und mit ihnen konkret operieren.

Die individuelle Nutzbarkeit von Wissen ist nur bedingt ein Kriterium für wichtiges Wissen

Wissen, das abrufbereit und passiv brachliegt, ohne aktiv angewendet zu werden, droht vergessen zu werden. Diese Erfahrung können Eltern täglich machen, wenn sie ihren Kindern bei den Hausaufgaben über die Schulter schauen. Für den einen oder anderen mag es ein unangenehmes Gefühl sein, wenn die Bildung der Kinder einem über den Kopf wächst. Um die Schwierigkeiten der Kinder in der Schule besser begreifen zu können, wäre aber gerade dieses Gefühl ein guter Ansporn für Eltern, die eigene Allgemeinbildung wieder auf ein anderes Niveau zu bringen. Sonst entsteht schnell eine als arrogant empfundene Hierarchie im Eltern-Lehrer-Gespräch. An diesem Beispiel lässt sich auch gut darlegen, warum Allgemeinbildung immer wichtig bleibt. Es begleitet uns ein Leben lang, und auch wenn wir vieles von dem wieder vergessen, haben wir einen schnelleren Wiedereinstieg in diese Themen.

Zugleich schaffen wir mit einer guten Allgemeinbildung größere Themenbereiche, die uns bei Gesprächen mit Kollegen, Vorgesetzten oder auch Freunden helfen, uns im Alltag besser zu orientieren. Es wäre jedenfalls schade, wenn die Allgemeinbildung in der Schule zugunsten eines fachspezifizierten Wissens auf Dauer zu kurz käme. Oder möchten wir Generationen, die bereits im 1. Schuljahr wissen, dass sie Ingenieur oder Arzt werden? Auch Ingenieure und Ärzte kommen ohne Allgemeinbildung im beruflichen Alltag nicht klar. Allgemeinbildung ist nämlich vor allem eines: Die Fähigkeit zur Kommunikation über gesellschaftliche Themen, die uns alle angehen. Damit ist sie die wesentliche Stütze unserer Demokratie.

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